Bonding - eine besondere Babybeziehung

Was es heißt und wie man es fördert

05.Nov 2019
Deutsch

Unter „Bonding“ versteht man in der Entwicklungspsychologie den „ersten, Bindung stiftenden Kontakt zwischen Mutter und Kind“. Das besondere Band, welches die beiden vereint, ist also nicht nur Einbildung, sondern ein viel erforschtes Phänomen zwischen Eltern und Nachwuchs. Doch auch wenn es etwas ganz Natürliches ist: kann man das Bonding fördern? Oder gibt es Dinge, die es stören? Und braucht man dazu wirklich eigene Kleidung? Besonders Kaiserschnitt-Mütter fragen sich – oft zurecht – wie sie das Bonding unterstützen können. Aber warum eigentlich?


Foto: Kelly Sikkema on Unsplash

Warum ist Bonding so wichtig?
Neugeborene Menschlein sind absolut hilflos. Sie müssen erst lernen, mit der Schwerkraft zurecht zu kommen, können sich kaum bewegen, sehen schlecht, können sich nicht selbst ernähren und haben kein schützendes Fell. Eine gute Beziehung zu den Eltern ist für das Baby also überlebensnotwendig. Es ist aber noch mehr als das: die erste Bindung, die das Kind erlebt, prägt sein ganzes weiteres (Beziehungs-)Leben. Es ist sozusagen die „Ur-Beziehung“. Wird dieses Ur-Vertrauen durch Liebe und Fürsorge gestärkt, ist das die beste Basis, um zu einem starken, selbstsicheren, liebevollen Menschen zu werden.

Eltern ermöglicht diese besondere Beziehung ein Hinauswachsen über sich selbst: man verzichtet z.B. auf Schlaf und andere Bequemlichkeiten, um dem Säugling ein gesundes Heranwachsen zu ermöglichen.

Die besten Umstände für ein gelungenes Bonding:
Ideal ist eine Spontangeburt ohne Komplikationen, nach der das Neugeborene auf der nackten Brust der Mutter liegt. So haben beide Zeit, einander in Ruhe kennenzulernen, zu spüren, zu hören, zu streicheln. Vielleicht saugt das Baby auch schon das erste Mal an der Brust. Da dieser Idealzustand aber aus diversen Gründen nicht immer der Fall ist, kann man das Bonding auch „nachholen“. Für eine gute Beziehung zwischen Eltern und Kindern braucht es viel mehr als die ersten Stunden – ein Bilderbuchstart kann nur manches einfacher machen.

Bonding nachholen
Bei einem Kaiserschnitt oder Komplikationen bei der Geburt kann es vorkommen, dass Baby und Mutter erst einmal getrennt voneinander die ersten Stunden verbringen. Aber nur nicht verzweifeln: es zählt nicht nur der Moment beim Bonding, sondern dass du dir Zeit nimmst und dich auf dein Kind voll und ganz einlassen kannst. Und das geht nicht nur direkt nach der Geburt. Gib dir und deinem Schatz einfach die Zeit, die ihr braucht. Eure Beziehung hat immer noch die besten Voraussetzungen wunderbar stark zu werden. Die Liebe zwischen euch beiden lässt sich von einem holprigen Start garantiert nicht beeinträchtigen! Verbring viel Zeit mit direktem Hautkontakt zwischen dir und deinem Baby und holt euren perfekten Start auf diese Art ganz bewusst nach. Das kann zum Beispiel nach einem ungewollten Kaiserschnitt für euch beide sehr heilsam sein.

Etwas nachhelfen kann man auch später und in angezogenem Zustand: Tragetücher und andere Tragehilfen, bei denen der Säugling eng am Körper liegt, helfen ebenfalls dabei, die Bindung zu stärken. Auch das Schlafen im Bett oder zumindest im Zimmer der Eltern gibt zusätzliche Geborgenheit – dass das Kind dadurch verwöhnt würde, ist ein Märchen. Achtgeben muss man lediglich auf eine sichere Umgebung, aber die lässt sich durch Beistellbetten einfach herstellen. Du musst jedenfalls keine Angst haben, dass dein Kind als Teenager noch bei dir im Bett liegt, nur weil dein Baby die ersten Monate oder Jahre nicht alleine in einem Zimmer schläft.

Gibt es eine besonders kritische Phase beim Bonding?
Wie schon erwähnt sind die ersten Stunden zwar sehr besonders, müssen aber auch nicht überbewertet werden. Für eine schöne Eltern-Kind-Beziehung ist das ganze erste Lebensjahr von großer Bedeutung. Das heißt nicht nur, dass ein missglückter Start kein Drama ist, sondern dass auch Väter und andere Bezugspersonen die besten Chancen auf eine besondere Bindung zum Kind haben.

Muss das Baby ständig bei mir sein?
Eindeutig nein. Eine sichere Beziehung entsteht, wenn das Baby spürt, dass auf seine Bedürfnisse eingegangen wird. Dazu muss es nicht ständig Körperkontakt mit seiner Bezugsperson haben. Säuglinge machen sich bemerkbar, wenn sie Zuwendung brauchen. Deine Antennen werden diesbezüglich immer feiner und du wirst immer besser wissen, was gerade los ist. Und selbst wenn nicht: eurer Beziehung tut das keinen Abbruch.

Das hilft beim Bonding:

  • Kuscheleinheiten - vor allem in den ersten Wochen
  • Mit direktem Hautkontakt kuscheln
  • Tragen auf dem Arm, im Tragetuch oder in einer guten Tragehilfe
  • Gemeinsam baden
  • Einfühlsam auf Bedürfnisse des Babys eingehen
  • Stillen oder Fläschchen geben mit streicheln und bewusstem Anschauen

Das Bindungsverhalten von Kindern ändert sich übrigens ständig entsprechend ihrer Entwicklungsphasen. Es ist also nicht ungewöhnlich, wenn die Beziehung zu den Bezugspersonen plötzlich anders ist. Besonders spannend wird das Verhältnis zu den Eltern dann in der Pubertät – aber das ist eine andere Geschichte.

Zum Abschluss noch ein Buchtipp: Spannendes zum Thema Bindungsverhalten findet sich in den Büchern Babyjahre und Kinderjahre von Remo H. Largo, dem berühmten Arzt und Wissenschaftler auf dem Gebiet der kindlichen Entwicklung.

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