Brelfie, der umstrittene Foto-Trend - Teil 1

Stillen und Abpumpen: ein kleiner Diskurs durch die Geschichte

26.Jul 2018
Deutsch

Damit das Stillen in der Öffentlichkeit die normalste Sache der Welt wird, haben sich im vergangenen Jahr über 500.000 stillende Mütter aufgemacht und mit der Fotoapp PicsArt kunstvolle Brelfies (Hashtag #brelfie und Kurzform für breastfeeding selfie) zum Thema „Tree of Life“ über ihre sozialen Netzwerke gezeigt. Anlass war die World Breastfeeding Week, die jährlich in der ersten Augustwoche stattfindet. Eine spontane Initiative mit unglaublichem Domino Effekt. Wie ein Lauffeuer haben sich die tollen Bilder verbreitet.
Die Idee war, dadurch eine immer noch kritische gesellschaftliche Haltung über das Stillen im öffentlichen Raum nachhaltig zu verbessern. 
 

Brelfie, der umstrittene Foto-Trend - Teil 1
Foto: Shutterstock

So wurde eine altbekannte Diskussion über das Tabuthema wieder mal ins Rollen gebracht. Und hat so selbst an Stellen für Säuglings- und Kleinkinderernährung wie der UNICEF Aufmerksamkeit erregt. Das Stillen, vor allem im ersten Lebensjahr, wird schließlich nicht nur laufend von Institutionen wie der WHO (Weltgesundheitsorganisation) oder La Leche Liga unterstützt, sondern Hebammen aus aller Welt setzen sich für einen natürlichen, unkomplizierten Umgang damit ein.

Aber die Ansicht, dass der Anblick einer stillenden Frau als schlüpfrig oder zotig gilt, ist leider im Großen und Ganzen noch weit verbreitet. Denn Brust und Nippel zeigen sei laut Gegnern eine Versuchung für Männer, die schlichtweg in ihrem Lustempfinden angestachelt werden würden. Obendrein gibt es durchaus auch genügend Frauen, die die Gegenwart einer stillenden Mama als geschmacklos, vulgär oder störend finden. Der Austritt von Körperflüssigkeiten sollte demnach diskret versteckt werden, selbst wenn es dabei nur um das Säugen eines Babys geht. So der O-Ton.
 

Seit wann ist das Stillen eigentlich verpönt?

Genau genommen und unumstritten zählen wir Menschen zur Gattung der Säugetiere. Das Stillen war also von Anbeginn die natürlichste Sache der Welt. Ab der Antike bis ins Mittelalter galt die milchspendende Brust überhaupt als Symbol des neuen und ewigen Lebens. In manchen Religionen wurde das Trinken des Kindes an der Mutterbrust sogar zum höchsten Zeichen der Nächstenliebe erhoben. Anno dazumal wurden Frauen also dafür verehrt. 

Stillende Ammen, die für Lohn fremde Kinder an die Brust nahmen, gab es mindestens genauso lange wie Hebammen. Es war also durchaus sogar ein anerkannter Job. In Königshäusern wurden die Sprösslinge über Jahrhunderte von Ammen gestillt, weil man dachte, dass die Königinnen während der Stillzeit nicht schwanger werden konnten. War keine Amme zur Hand, wurde das Saughorn mit Kuh- oder Ziegenmilch gefüllt. Sozusagen als Vorläufer des Fläschchens für das Baby

In den europäischen Bürgerhäusern des 19. Jahrhunderts wurde der Dienst der Amme ein legendärer Trend und verbreitete sich in Windeseile. Mit der Einführung der Ersatzmilch ging es damit aber im 20. Jahrhundert rapide zu Ende. Außerdem kam dazu, dass man zu der Erkenntnis kam, dass durch die Stillmilch Krankheiten übertragen werden konnten. Und man vermutete, dass selbst schlechte Stimmung auf das Baby übertragen werden würde.

Alles in allem sollten sich Mütter nun nicht mehr früh von ihrem Nachwuchs verabschieden, sondern lieber die intime soziale Nähe fördern und selbst stillen. Respektbetonte Distanz und das vermeintlich lasterhafte Berührungstabu innerhalb der Familie kamen langsam aber sicher aus der Mode. Gestillt wurde jedoch tunlichst nicht in der Öffentlichkeit. 

Bis in die 80iger Jahre wurden die Stillzeiten einer genau festgesetzten Zeitordnung untergeordnet. Erst mit der Einführung stillfreundlicher Krankenhäuser, von Stillberatungen und der Erkenntnis über die Bedeutung des Bondings durch die körperliche Nähe, kam es zu einer Wiederbelebung des Trends zum Stillen. Die generelle Scheu das Baby in der Öffentlichkeit zu säugen und als Jungmama am sozialen Leben teilzuhaben, fällt aber erst jetzt. Als letzte Bastion vor der Rückkehr zur normalsten Sache der Welt.

 

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