Brust (r)aus?

Die optimale Stilldauer: Wie lange stillen?

21.Jan 2020
Deutsch

Wenn es um das Stillen geht, wird es wie bei vielen Babythemen in Foren oder Diskussionen sehr schnell sehr emotional. Frauen, die wegen Schmerzen beim Stillen früh mit dem Stillen aufhören, werden mit Vorwürfen konfrontiert. Ebenso müssen sich Mütter, die nur kurz stillen, rechtfertigen – genau wie Mütter, die besonders lange stillen. Da überkommt einen als Mama schon einmal das Gefühl, es eigentlich nur falsch machen zu können. Gibt es sie also, die „perfekte Stilldauer“? Muss man bei Stillproblemen mit dem Stillen aufhören? Sind Schmerzen beim Stillen ein Grund zum Abstillen? Ist ein Kind, das mit 3 Jahren noch gestillt wird für immer ein Mama-Baby? Diesen und vielen anderen Fragen gehen wir hier möglichst sachlich auf den Grund.

Was sagen die WHO & Co?

Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) empfiehlt ausschließliches (!) Stillen für die ersten 6 Monate, danach „adäquate“ Beikost. Und hier fangen die Diskussionen bereits an. Englische Forscher haben nach Studien nämlich diese Empfehlung für Industriestaaten in Frage gestellt. In Entwicklungsländern mit mangelnder Hygiene, schmutzigem Wasser, schlechter Nahrung und unzureichender medizinischer Versorgung sei es tatsächlich für Baby und Mutter vorteilhafter, 6 Monate nur zu stillen (also weder Wasser noch Beikost anzubieten). In allen anderen Regionen der Welt, und besonders in ganz Europa, besteht ein derart gutes Angebot an hochwertigen Nahrungsmitteln und ärztlichen Einrichtungen, dass ein früher Beikost-Start ab dem 5. Monat nahegelegt werden sollte – so die britischen Kinderärzte. Der Vorteil sei eine Allergie-Prävention, das frühe Kennenlernen von unterschiedlichen Geschmäckern und eine bessere Eisenversorgung. Wie immer handelt es sich hier um Empfehlungen nach dem heutigen Wissenstand in der Theorie – die Entwicklung und Reife des Kindes spielen in der Praxis natürlich auch noch eine große Rolle. Die Angaben sind somit eine Orientierungshilfe, die individuellen Umstände sollten natürlich berücksichtigt werden.

Einig sind sich trotz unterschiedlicher Empfehlungen im Detail aber alle in einem wichtigen Punkt: Beikost-Start bedeutet nicht, dass man abstillen sollte!

Ganz im Gegenteil – wird das Kind weiterhin gestillt, profitiert es doppelt. Zum einen hat es alle wertvollen Stoffe aus der Muttermilch (wie z.B. Antikörper gegen diverse Krankheiten), zum anderen kommt es aber bereits mit verschiedenen Lebensmitteln in Kontakt (und damit z.B. anderen Mineralstoffen, Vitaminen und sekundären Pflanzenstoffen).

 

Wann ist ein Kind zu alt zum Stillen?

Es ist ausnahmsweise einmal ganz einfach: Wie lange Mutter und Kind stillen wollen, ist Sache von Mutter und Kind. Manche Kinder bevorzugen Beikost schon sehr bald und trinken mit 9 Monaten lieber aus dem Fläschchen oder Wasser aus dem Becher. Andere wollen weder Schnuller noch Fläschchen und holen sich lieber bis zum 4. Geburtstag Still-Einheiten an der Brust. Babys von arbeitenden Müttern kommen oft den ganzen Tag ohne Muttermilch aus, und sind, sobald Mama da ist, wieder Stillkinder. Sehr viel ist möglich. Jede Familie darf hier ihren eigenen Weg finden, als Richtlinie findet man häufig folgende Regel: Das Kind sollte mit einem Jahr am Familientisch mitessen. Zusätzlich weiter zu stillen ist absolut in Ordnung! Das Stillen darf neben dem „normalen Essen“ so lange dauern, wie es für Mutter und Kind angenehm ist. Hauptsache ist, dass das Kind ab einem Jahr auch andere Lebensmittel und damit Nährstoffe zu sich nimmt. Das Stillen ist darüber hinaus sozusagen ein wertvoller „Bonus“.

 

Muss man bei Stillproblemen aufhören zu stillen?

Schmerzende Brüste, vielleicht sogar blutende Brustwarzen oder ein Milchstau – es gibt einige Möglichkeiten für rein physische Probleme beim Stillen. Auch Unannehmlichkeiten wie auslaufende und/oder zu volle, spannende Brüste können eine Belastung für die Stillende sein. Muss man dann aufhören zu stillen? Generell wird nicht empfohlen, auf eigene Faust sofort zum Stillen aufzuhören. Wende dich aber umgehend an eine Hebamme oder Stillberaterin, Arzt oder Ärztin, vor allem, wenn wunde Stellen hast. Die Heilmöglichkeiten sind nämlich trotz Stillens vielfältig. Manchmal reicht schon ein bisschen Wollfett und oben ohne Bleiben. Hebammen können mit speziellen Lasern die Wundheilung beschleunigen. Wichtig ist außerdem das richtige Anlegen: achte darauf, dass das Baby niemals nur die Spitze der Brustwarze im Mund hat, sondern auch möglichst viel vom Warzenhof. So wird die Milch vom Kinn des Säuglings richtig ausmassiert und die womöglich wunde Brustwarze geschont.

Eine Möglichkeit ist auch, einen Milchvorrat anzulegen, um Stillmahlzeiten mit der Flasche zu ersetzen. So hat die Brust Zeit, sich zu erholen. Die Milch sollte dann allerdings während der Stillpause aus der Brust ausgestrichen werden, damit zum einen die Milchproduktion ungestört aufrecht erhalten bleibt, die Milchmenge nicht weniger wird und zum anderen kein Milchstau entsteht.

 

Richtig abstillen

Sollte für dich das Stillen nur noch eine Qual sein, du bei deinem Baby merken, dass der richtige Zeitpunkt zum Abstillen gekommen ist oder du einfach für dich beschlossen hast, dass du abstillen möchtest, berate dich mit Fachleuten darüber, ob und wie du das am besten angehst. Ein plötzliches Abstillen ist nämlich in deinem eigenen Interesse nicht empfehlenswert! Die Folge kann ein sehr schmerzhafter Milchstau sein, aus dem sich eine echte Brustentzündung mit Fieber entwickeln kann. Auch mit pflanzlichen Mitteln wie z.B. Salbeitee ist es möglich, das Abstillen zu beschleunigen – hole dir dazu aber auf alle Fälle vorher professionelle Anweisungen. Deinem Baby kannst du jedenfalls auch mit Fläschchen viel Liebe geben. Die meisten Mütter machen sich die Entscheidung zum Abstillen nicht leicht. Tatsache ist, dass kurzzeitig stillen garantiert besser ist, als gar nicht zu stillen. Und wir haben das unschätzbare Glück, erstklassige Säuglingsanfangsnahrung für Fläschchen an jeder Ecke kaufen zu können. Das Letzte, was man in dieser Situation braucht, sind Vorwürfe. Such dir positive, motivierende Unterstützung aus deiner Familie, von deinem Partner oder aus deinem Freundeskreis.

 

Langzeit stillen – gut oder schlecht für das Kind?

Nicht nur abstillende Mütter müssen sich rechtfertigen – auch sogenannte „Langzeit-Stillende“ werden häufig schief angesehen, wenn sie z.B. ihre Dreijährigen noch an der Brust haben.

Fakt ist: Muttermilch hat über Jahre hinweg Vorteile für das Kind und wird nicht „schlechter“. Vielmehr passt sich das Wundermittel aus der Natur den Anforderungen des Kindes an. Die Milch in den ersten Tagen unterscheidet sich also enorm von der Milch, die ein zweijähriges Kind bekommt, sie ist aber jedenfalls optimal auf die Entwicklungsphase abgestimmt. Rein Ernährungstechnisch ist es möglich abzustillen, sobald das Kind andere Nahrungsmittel isst und Wasser trinkt. Nötig ist es aber bei weitem nicht, schließlich ist das Stillen nicht nur Nahrung, sondern hat auch eine starke emotionale Komponente. Stillen kann Trost sein und eine Möglichkeit für das Kind, zur Ruhe zu kommen. Das Gefühlsleben der Kleinen ist noch eine unkontrollierbare Achterbahnfahrt – Momente an der Brust geben Sicherheit und Geborgenheit in einer turbulenten Welt. Mütter müssen sich auch keine Sorgen machen, dass ihre Kinder in Zukunft dann Essen als Trost sehen. Stillen und Essen unterscheiden sich doch gewaltig. Es gibt auch keine Hinweise drauf, dass lange gestillte Kinder abhängiger seien. Im Gegenteil: viele Kinder holen sich durch den „sicheren Hafen“ eine Extraportion Selbstbewusstsein und eine starke Basis. Mit Verwöhnen hat das lange Stillen also gar nichts zu tun. Die gleiche Frage müsste man sich sonst auch bei einem Kind mit Schnuller stellen.

 

Eine kurze Zusammenfassung:

  • Stille so lange wie möglich.
  • Und solange du und dein Kind es mögen bzw. brauchen.
  • Biete ab dem 5. Monat Beikost und Wasser aus der Tasse oder Trinkbecher zum Trinken an.
  • Wenn du abstillst, möglichst langsam um deinen Körper und dein Kind daran zu gewöhnen.
  • Stillprobleme müssen kein Grund zum Abstillen sein.
  • Im konkreten Fall helfen Hebammen und Stillberaterinnen weiter.
  • Stillgruppen sind eine tolle Gelegenheit, sich mit anderen auszutauschen und von Erfahrungen anderer zu profitieren.

 

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Quellen:

https://www.who.int/topics/breastfeeding/en/

https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/saeuglingsernaehrung-experten-streiten-ueber-stillzeit-a-739537.html

La Leche Liga

 

Foto: Shutterstock

 

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