Corona & Geburten – das MAM Experteninterview

Mit der Wiener Hebamme Martina Koll-Braun

01.Apr 2020
Deutsch

Martina Koll-Braun ist seit 2008 in Wien freiberuflich und angestellt als Hebamme tätig. Geburtsbegleitung, Nachbetreuung, Stillberatung und Rückbildungsgymnastik gehören ebenso zu ihren Aufgaben wie Trageberatung, Anleitungen zur Babymassage und Vorträge im Hebammenzentrum. Was sie aus professioneller Hebammensicht zu Geburten in Zeiten von Corona sagt, liest du hier.


Foto: Shutterstock 

Wie wirkt sich COVID-19 jetzt auf Geburten und die Geburtsplanung aus?

Es gibt viele Anfragen für Hausgeburten. Paare suchen eine Alternative zum Spital und damit eine möglichst große Einschränkung der Kontakte zu anderen Menschen. Auch schafft das eventuelle Verbot der Anwesenheit der Väter Unsicherheit. Bei einer Hausgeburt beschränkt sich der Kontakt im Normalfall auf ein bis zwei Hebammen und alle im Haushalt lebenden Menschen dürfen nach wie vor bei der Geburt dabei sein.

 

Wem würden Sie von einer kurzfristigen Hausgeburt abraten und für wen ist sie aufgrund COVID-19 empfehlenswert?

Familien, die schon länger mit dem Gedanken spielen, eine Hausgeburt anzustreben und sich das prinzipiell auch schon vor der COVID-19 Krise vorstellen konnten, sind genau die Paare, für die das jetzt eine gute Entscheidung sein kann. Paare, in denen der Gedanke an eine Hausgeburt ein Unwohlsein hervorruft oder sogar Angst macht, sollten auch jetzt keine Geburt in dieser Form ins Auge fassen.

Für eine Hausgeburt braucht es Ruhe, Vertrauen in sich und in die begleitende Hebamme. Es gilt auch jetzt auf das Bauchgefühl zu hören. Aber als Hebamme freut es mich, dass der Gedanke an eine außerklinische Geburt nun präsenter ist.
 

Besteht für Mutter und/oder Kind eine Gefahr bei einer Geburt im Krankenhaus?

Natürlich trifft man in einem Krankenhaus auf viele Menschen. Da die Einschränkung von Kontakten die Empfehlung Nummer 1 ist, ist das ein Thema. In den Kliniken wird aber bestmöglich auf die neue Situation eingegangen, Schutzmaßnahmen vorgenommen und externe Besuche eingeschränkt. Die Richtlinien ändern sich oft täglich und es ist schwer, den Überblick zu behalten.

Prinzipiell ist aus heutiger Sicht das Kind in der Gebärmutter durch die Plazentaschranke geschützt. Nach der Geburt sollte gestillt werden, um dem Kind die nötigen Abwehrstoffe zuzuführen. Junge Frauen ohne Vorerkrankung gelten auch nicht als Hochrisikopersonen. Sie sollen, wie alle anderen Menschen auch, auf ausreichend Hygiene und Abstand zu anderen Menschen achten. 
 

Wann darf der Vater das Kind bei einer Krankenhausgeburt zum 1. Mal sehen und was ist dabei zu beachten?

Die Vorgaben ändern sich laufend. In vielen Spitälern ist es derzeit noch möglich, dass der Vater bei der Geburt unter Einhaltung bestimmter Auflagen, wie z.B. dem Tragen einer Schutzmaske, dabei ist. Schutzmasken müssen übrigens auch von allen anderen bei der Geburt anwesenden Personen getragen werden. Allerdings muss der Vater dann, wenn die Frau mit dem Kind auf die Wochenbettstation verlegt wird, das Spital verlassen und darf nicht zu Besuch kommen. 

Hier kann beispielsweise eine ambulante Geburt für kontinuierlichen Kontakt zwischen Kind und Vater sorgen. Frau und Baby können frühestens drei Stunden nach der Geburt nach Hause gehen und müssen dann zu Hause in den ersten Tagen von einer Hebamme betreut werden. In dringenden Fällen sind Hausbesuche erlaubt. Dazu zählen die ersten fünf Lebenstage eines Kindes. Hebammen sind ebenfalls dazu angehalten, möglichst wenig direkten und geschützten Kontakt zu jungen Familien zu haben.

Väter müssen im Wochenbett zu Hause beispielweise während der Visite in ein anderes Zimmer gehen. Es ist aber auch möglich, nach der Akut-Zeit eine Beratung über Telefon oder Videotelefonie weiterzuführen.

 

Was macht man jetzt bei Blutungen und/oder vorzeitigen Wehen?

Immer bei der eigenen Hebamme, im Spital direkt, oder bei der Rettung anrufen und dort erfragen, was zu tun ist. Wenn der/die Gynäkologe/in erreichbar ist, ist diese/r auch eine telefonische Anlaufstelle.

 

Wie soll ich mich verhalten, wenn ich schwanger und mit COVID-19 infiziert bin?

Im Verdachtsfall unbedingt bei der Coronavirus Hotline unter 1450 melden (Anm.: in Österreich, in Deutschland: telefonisch an den Hausarzt oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117 wenden). Ein weiteres Vorgehen wird dann entschieden.

 

Was mache ich, wenn in der Quarantäne Wehen einsetzen?

Wenn Sie vorab keine anderen Anweisungen bekommen haben, auch in diesem Fall bei der eigenen Hebamme, im Spital direkt, oder bei der Rettung anrufen. 

Das (österreichische) Hebammengremium versucht alle Informationen für Schwangere und Wöchnerinnen auf ihrer Homepage aktuell zu halten. Diese findet man unter www.hebammen.at/corona/ (Anm.: in Deutschland gibt es hier nähere Informationen)

Wenn Sie Ihr Kind regelmäßig spüren, keine starken Blutungen auftreten, die Fruchtblase noch intakt ist und Sie sich zu Hause sicher fühlen, können Sie auch noch einige Zeit zu Hause verbringen, bevor Sie sich auf den Weg ins Spital machen.

 

Wo bekommen Schwangere jetzt Informationen zu Hausgeburten oder ambulanten Geburten?

Das Hebammenzentrum berät auch weiterhin telefonisch! Unter www.hebammenzentrum.at kann außerdem ein Termin vereinbart werden.

(Anm.: in Deutschland gibt es hier nähere Informationen)

Herzlichen Dank für das Interview!
 

Mehr zu Martina Koll-Braun und ihre Kolleginnen findest du auf den Seiten des Hebammenzentrums Wien.

Hinweis: Die angeführten Informationen sind Stand Ende März 2020. Da sich das Wissen über COVID-19 laufend verändert, können wir keine Garantie für die Richtigkeit geben. Bitte im Zweifel die eigene Ärztin oder Arzt des Vertrauens befragen! 

 

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