Das Leiden mit Frühchen

Blog Gastartikel: Christina von Einer schreit immer

27.Sep 2019
Deutsch

Leben und Tod liegen auf einer Frühchenstation sehr nahe beisammen. Oft genug wird der Eindruck vermittelt, dass Frühchen zu haben, heutzutage kein Problem mehr ist. Christina von Einer schreit immer erinnert sich an den Krankenhausaufenthalt zwischen piepsenden Monitoren, Inkubatoren und die kurzen Momente des Friedens im sonst so trubeligen Spital.

Frühchen im Krankenhaus

Es ist still auf der Frühchenstation. Nur regelmäßiges Piepsen erinnert daran, dass hier Leben geborgen werden. Der Blick auf den Monitor auf dem Bett versichert mir, dass das bisschen Mensch auf meiner Brust lebt und gedeiht und dass es in all dem Trubel, der sonst in einem Krankenhaus herrscht, kurze Momente des Friedens geben kann. Hinter einer mobilen Wand hat die Schwester ein wenig Privatsphäre für uns zwei geschaffen. Es ist natürlich eine Illusion, weil es nur behelfsmäßig den direkten Blick auf uns verwehrt.

Das kleine Häufchen Leben an meiner Brust kam viel zu früh, so wie alle auf der Station. Bis auf die kritischsten aller Fälle sind meistens zwei Frühchen in einem Zimmer. Die Schwestern und Pfleger nennen das andere Frühchen dann „Mitbewohner“ und tun so, als wären die beiden kleinen Menschen, die noch gar nicht geboren hätten werden sollen, so etwas wie Freunde. Manche Eltern scheint das zu beruhigen. Als wäre geteiltes Leid halbes Leid.

Natürlich verfolge ich, was sich im Inkubator nebenan abspielt. So wie man zwangsläufig mitbekommt, was bei den Nachbarn im Garten so los ist. Trotzdem versuchen das Zwergchen und ich die Realität so gut wie möglich auszublenden. Das gelingt aber nicht immer. Wenn mein Puls steigt, steigt auch der meines Kindes auf meiner Brust, und beunruhigen will ich ihn auf keinen Fall. Also flüstere ich ihm was in sein kleines Öhrchen, um ihn und vor allem mich zu beruhigen, wenn mal wieder wohl kalkulierte Hektik auf der Station ausbricht.

Plötzlich beginnt der Herzmonitor nebenan zu piepsen und der Name des „Mitbewohners“ flackert über unseren Monitor. Zuerst gelb. Die Schwester, die sofort ins Zimmer kommt, ruft nach Verstärkung. Jetzt leuchtet der Name rot. Ärzte kommen hinzu und der Alarm wird abgeschalten aber an der Betriebsamkeit hinter unserer Trennwand ist erkennbar, dass der Auslöser für den Alarm noch nicht behoben ist. Das Sinnesorgan, das der Mensch nicht abschalten kann, ist nun mal das Gehör. Ich kann die Augen und den Mund schließen, aber nicht die Ohren.

Also werde ich Ohrenzeuge des Kampfes im Nebenbett. Ein kleines bisschen Mensch kämpft um sein Leben. Dann zieht Stille im Raum ein. Der Herzmonitor wird ausgeschalten und es wird ganz ruhig. Nur das gleichmäßige Piepsen unseres Monitors ist zu hören. Und ich klammere mich an diese Gleichmäßigkeit und halte mein kleines bisschen Leben an mich gedrückt. Es scheint sich an mich zu schmiegen, als ob es sagen möchte: „Keine Angst, ich bleibe ja da.“ Und es ist immer noch da. Es ist wirklich ein großes Glück, ein Kind zu bekommen!

Wieso ich dennoch gegen Angstmacherei unter Müttern auf die bevorstehende Geburt bin, erfährst du in diesem Artikel.
 

Foto: Shutterstock

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