Einfach keine Lust: Geburtstrauma bei Vätern - Teil 2

Schockalarm für den frischgebackenen Papa

26.Aug 2018
Deutsch

Speziell wenn die Geburt sehr mühevoll und stressig verlaufen ist, und das Baby gegen Ende mit der Zange oder durch einen Kaiserschnitt geholt wurde, kann dich das Ereignis total aus der Bahn werfen. Anstatt des erhofften Feuerwerks an Freude über dein Neugeborenes, stellt sich schleichend eine innere, zunehmend quälende Flaute ein. Hat dein Baby nun auch noch mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen – es hat etwa die gefürchteten Babykoliken, es gibt Stillschwierigkeiten, das Kleine hat die Gelbsucht, Notfallbehandlungen werden hektisch durchgeführt, oder es gibt andere Startprobleme – dann schlägt das Pendel in dir womöglich in Richtung Frust, Angst oder sogar Depression aus.
 

Einfach keine Lust: Geburtstrauma bei Vätern - Teil 2
Foto: Shutterstock

Wie gesagt, hier ist deine volle Aufmerksamkeit gefragt. Ignorieren rächt sich. Denn solltest du dich hinreißen lassen und aufkeimende Probleme einfach in eine Ecke stellen, kann sich das später wie ein Tsunami auf deine Psyche – und auf die Partnerschaft auswirken. Nun, die meisten Männer wollen das nicht unbedingt riskieren. 

Trauma: die (mehr oder weniger) komplizierte Entbindung

Im Grunde genommen ist für ein sattes Schockerlebnis nicht mal entscheidend, ob die Geburt reibungslos verlaufen ist, oder ob es bedauerlicher Weise zu Komplikationen kam. Klar, eine natürliche Entbindung ist für alle Beteiligten die schönste Variante. Du als Betrachter, als Außenstehender, als „Kronzeuge“ sozusagen, bist dabei so oder so mit einer Naturgewalt konfrontiert, die dir heftig unter die Haut gehen kann. Angenommen alles läuft wie geplant. Alleine die Anspannung deiner Partnerin und ihre zunehmenden Schmerzen können dich unerwartet aus der Fassung bringen. Der Muttermund öffnet sich und du siehst, wie sich ein möglicherweise schon behaarter Schopf durch den Geburtskanal zwängt. An diesem Punkt wird dir richtig mulmig zumute. Am liebsten würdest du die imaginäre Fernbedienung schnappen und sofort den Kanal wechseln. Du hast tapfer den Geburtsvorbereitungskurs überstanden, und jetzt überrascht dich die Erkenntnis, dass in der Theorie alles nur ein Klacks war? 

Diese oder ähnliche Gedanken und Gefühle solltest du vollkommen ernstnehmen und sofort darauf reagieren. Wende dich an anwesende Ärzte oder Geburtshelfer. Sie können dir sagen, wo der nächste Kaffeeautomat steht. Sollte es nun tatsächlich eine Notfallsituation für die in den Wehen liegende Gebärende oder das Baby geben, ist es wichtig, dass du auch ohne Anweisungen handelst und dich, wenn nötig einfach in den Wartesaal verdrückst. 

Der Rückzug ist kein Zeichen des Versagens! Im Gegenteil. Deine spontane Reaktion kann in einem kritischen Moment sehr hilfreich sein und eine unharmonische Situation wieder völlig entspannen.

 

Die Geburt als Albtraum abgespeichert

Lass uns nicht vergessen, dass in der Familienplanung für manche Paare der Stress mit dem dringenden Wunsch einer erfolgreichen Befruchtung beginnt. Die Entbindung wird danach mit einer sehr hohen Erwartung verknüpft. Sie soll nach langem Hibbeln, oder etwa künstlicher Befruchtung, den „erlösenden Moment“ darstellen. Schweißtreibende Überlegungen sind am besten noch während der Geburt Schnee von gestern. Denn nach allem was ihr schon durchhabt, ist nun Friede-Freude-Eierkuchen angesagt. Aber nur in deiner idealen Vorstellung.

Ihr habt nun auch die aufreibende Geburt hinter euch gebracht. Doch es kommt durchaus auch vor, dass durch den Schock Depressionen und Potenzprobleme erst danach auftreten. Die Geburt wurde von dir als Albtraum abgespeichert und nun hagelt es von allen Seiten Sätze wie „Ab in die Psychotherapie!“ Derartige Ansagen finden nur ausgesprochen wenige Männer amüsant. Im Gegenteil, diese und andere Forderungen können die Beziehung erst recht zum steten Zerfall bringen. Und dich letztlich völlig überrollen.

Also Händchen halten um jeden Preis? Sind dir diese und ähnliche Szenarien zuvor klar, fällt dir die Entscheidung leichter, was das Dabeisein bei der Geburt betrifft. Immerhin sind so manche Experten aufgrund jahrelanger Erfahrung mittlerweile der Ansicht, dass Frauen endlich wieder in Ruhe gebären sollen. Väter sind natürlich willkommen. Möglicherweise aber nur dann, wenn sie sich dabei auch wirklich wohlfühlen.

 

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