Erste Hilfe: Stürze im Baby- und Kleinkindalter

Interview mit Jürgen Grassl, Samariterbund

06.Sep 2016
Deutsch

Wir freuen uns sehr, dass wir die Gelegenheit hatten mit Jürgen Grassl ein Interview zu äußerst wichtigen Erste-Hilfe-Themen zu führen. Grassl ist beim Samariterbund Österreich zuständig für die Leitung der Bundesschulung. Als erfahrener Lehr- und Notfallsanitäter weiß er eine Menge über Notfälle im Baby- und Kleinkindalter. Hier teilt er die wichtigsten Informationen mit uns.

Little Big Heart Wieso zählen Stürze zu den häufigsten Unfällen im Baby- und Kleinkindalter?

Jürgen Grassl Gerade bei kleinen Babys kommt es vor, dass sie vom Wickeltisch fallen. Der betreuende Erwachsene dreht sich vielleicht nur kurz weg oder holt schnell etwas – schon ist es passiert. Wenn die Kinder dann zu gehen und laufen beginnen, stürzen sie leicht über Stiegen und Treppen. Dabei verletzten sich die Kinder aufgrund ihres Körperproportionen – der Kopf ist im Vergleich zum Erwachsenen noch relativ groß – am häufigsten am Kopf.

Erste Hilfe: Stürze im Baby- und Kleinkindalter

Jürgen Grassl im Interview mit Little Big Heart

Kann ich diese Unfälle vermeiden?

Man kann zumindest alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen treffen. Gerade in diesem Alter dürfen Kinder nicht alleine oder unbeaufsichtigt gelassen werden. Darüberhinaus sollte das Kind mit dafür geeigneten, dem Alter entsprechenden und zugelassenen Hilfsmitteln gesichert werden. Immer wieder fallen ungesicherte Babys aus Buggys oder Babyschalen. Auch als Passagier im Auto werden Babys und Kleinkinder immer wieder durch falsche oder ungenügende Sicherung bei einem Verkehrsunfall verletzt.

Und wenn es doch passiert ist, wie reagiere ich dann?

Das Allerwichtigste ist Ruhe zu bewahren. Wenn man vorher einen Erste-Hilfe-Kurs besucht hat, gelingt einem das viel besser, weil man die Situation schon geübt, trainiert und eingespeichert hat. Dadurch können Hilfsmaßnahmen auch unter großem Druck geleistet werden, da die Handgriffe automatisch sitzen und nicht erst darüber nachgedacht werden muss. Aber nicht nur für Eltern, sondern für alle Menschen, die mit Kindern zu tun haben, ist der Erste-Hilfe-Kurs sehr wichtig – vom Onkel bis zur Babysitterin!

Erste Hilfe: Stürze im Baby- und Kleinkindalter

Foto: Shutterstock

Was sind die häufigsten Symptome nach einem Sturz?

In vielen Fällen passiert nicht mehr als eine Beule am Kopf, das Kind weint zwar, ist aber im Wesen unauffällig und beruhigt sich dann auch wieder. Sollte sich das Kind aber in seinem Wesen und Verhalten verändern, Bewusstseinsstörungen haben oder auch schläfrig wirken, dann ist das ein lebensbedrohlicher Notfall und man muss sofort den Notruf absetzen. Vom Notrufexperten am Telefon bekommt man dann auch weitere Anweisungen, wie man bis zum Eintreffen der Rettung vorgehen soll. So ist zum Beispiel die richtige Lagerung sehr wichtig. Ein bewusstloses Kind legt man in die stabile Seitenlage. Bei Säuglingen geht das noch nicht so gut, diese bringt man eher in die Bauch-Seitenlage. Diese Lagerung dient dem Freihalten der Atemwege. Ein verletztes Kind sollte man flach in Rückenlage auf dem Boden legen und sonst nur für wichtige Erste-Hilfe-Maßnahmen, wie z.B. bei einer Blutstillung bewegen.

Bei welchen Anzeichen MUSS ich sofort den Rettungsdienst rufen?

Wenn Kinder sehr weinerlich sind, ist das immer ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Bei Stürzen geht es da hauptsächlich um Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit, die von einer Kopfverletzung stammen. Wenn das Kind schreit und sich nicht beruhigen lässt oder Übelkeit und (mehrmaliges) Erbrechen auftritt, oder wenn es schläfrig und nicht erweckbar ist, muss man unbedingt sofort den Rettungsdienst rufen. Auch wenn ein Kind nach einem Sturz unter Schmerzen leidet, die nicht von einer Kopfverletzung verursacht worden sind, ist umgehend der Rettungsdienst zu alarmieren.

Was muss ich tun, bis der Rettungsdienst eintrifft?

Du bekommst generell jeden Schritt vom Rettungsdienst angesagt. Schalte also dein Handy auf Lautsprecher und befolge die Anweisungen des Notrufexperten. Bleibe immer beim Kind und versuche es zu beruhigen. Außerdem solltest du es warmhalten, denn Wärmeverlust tritt gerade bei Babys und Kindern schnell ein, Unterkühlung ist ein zusätzlicher Risikofaktor. Halte die Atemwege des Kindes frei. Bei Bewusstlosigkeit wende die stabile Seitenlage an. Ein verletztes Kind am besten flach in Rückenlage auf dem Boden legen und möglichst wenig bewegen.

Sobald die Rettung eintrifft, übernimmt diese die weiteren Maßnahmen. Damit du dich sicherer fühlst,  besuche am besten unseren Erste-Hilfe-Kurs für Notfälle im Kindesalter. Da üben wir gemeinsam jeden Handgriff, bis er sitzt.

 

Wenn du mehr über Erste-Hilfe-Themen wissen möchtest, findest du hier allgemeine Infos und hier genauere Hinweise bei Verbrennungen, Verschlucken und Sonnenstich.

 

Notfallnummer Deutschland: 112

Notfallnummer Österreich: 144

Notfallnummern Schweiz: 144 oder 112

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