Erste Hilfe: Verschlucken

Interview mit Jürgen Grassl, Samariterbund

20.Sep 2016
Deutsch

In unserer Erste Hilfe Reihe haben wir mit einem Experten gesprochen. Jürgen Grassl ist beim Samariterbund Wien zuständig für die Leitung der Bundesschulung. Als erfahrener Lehr- und Notfallsanitäter weiß er, was bei Notfällen im Baby- und Kleinkindalter zu tun ist. In den vergangenen Wochen hat er uns bereits Antworten auf Fragen zum Thema Stürze sowie Verbrennungen in Kleinkindalter gegeben. Heute sagt er uns, was wir tun können, wenn unser Kind etwas verschluckt hat. 

Erste Hilfe: Verschlucken

Jürgen Grassl im Interview mit Little Big Heart

Little Big Heart: Ab wann besteht die Gefahr, dass Babys etwas verschlucken?

Jürgen Grassl: Sobald die Kinder beginnen zu greifen, fangen sie auch an sich alles Mögliche in den Mund zu stecken. Insbesondere Krabbelkinder sind ständig auf der Suche nach Gegenständen, die in den Mund gesteckt werden können. Bei der Umstellung von flüssiger auf feste Nahrung landet das Trinken und Essen manchmal in den Atemwegen. Diese Situationen können von harmlos bis zu lebensbedrohlich für das Kind sein. Das beginnt beim Essen zum Beispiel von kleinen Nüssen. Es kommt auch vor, dass kleine Kinder versehentlich die Herzmedikamente ihrer Großeltern verschlucken, das ist nicht unbedenklich und kann sehr schnell zu einer lebensbedrohlichen Vergiftung führen. Und auch kleine Spielzeugteile von älteren Geschwistern oder anderen Kindern werden liebend gerne von den Kleinen untersucht und dann in den Mund gesteckt. Natürlich kann man dem älteren Kind deswegen nicht nur Kleinkindersachen erlauben, aber man muss dann einfach noch besser aufpassen bzw. die kleinen Teile nicht einfach herumliegen lassen, sondern nach dem Spielen wieder einräumen. Idealerweise ist immer dem Alter entsprechendes Spielzeug zu verwenden.

Wie reagiere ich, wenn es etwas verschluckt hat?

Wichtig ist, dass du dir die Reaktion des Kindes anschaust: Hustet es? Speichelt es? Ist es weinerlich und fühlt sich unwohl? Das ist alles noch in Ordnung, solange es atmet und selbstständig husten kann. In diesem Fall musst du erstmal nichts weiter tun, als den Rettungsdienst zu rufen oder ins Krankenhaus zu fahren.

Wenn du den Rettungsdienst am Telefon hast, stellst du das Handy auf Lautsprecher, legst es neben dich hin und befolgst die Anweisungen des Notrufexperten.

Sollte das Kind ineffektiv husten oder nur Hustenbemühungen anstellen, ohne dass es abhusten kann, dann kannst du das sogenannte "Heimlich-Manöver" anwenden. ABER NUR, wenn du das vorher in einem Erste-Hilfe-Kurs gelernt und geübt hast.

Erste Hilfe: Verschlucken

Fotos: Shutterstock

Was versteht man eigentlich unter dem Heimlich-Manöver?

Das Heimlich-Manöver dient zum Freimachen der Atemwege bei einem verschluckten Fremdkörper. Das Manöver soll unter Mithilfe der Schwerkraft den Fremdkörper in den Atemwegen des Kindes lockern, sodass es den Gegenstand dann abhusten kann. Du nimmst dazu den Säugling mit dem Kopf bodenwärts gerichtet, auf den Unterarm und klopfst fünf Mal mit einer bestimmten Technik zwischen die Schulterblätter. Anschließend machst du beim Säugling fünf Brustkorbkompressionen wie bei der Wiederbelebung. Falls die Maßnahme beim ersten Mal noch keine Wirkung zeigt, wiederholst du den Vorgang. Bei Kleinkindern, ab dem ersten Lebensjahr und Kindern wird allerdings anstatt den Brustkorbkompressionen ein Druck auf den Oberbauch zwischen Bauchnabel und Brustbein ausgeübt. Aber das sind genau die Dinge, die du in einem Kurs lernst und übst. Deswegen ist es wirklich unbedingt nötig, dass alle Leute, die mit Kindern zu tun haben – vom Babysitter bis zu den Großeltern – einen Erste-Hilfe-Kurs besuchen. Denn alle Situationen, die man bereits geübt hat, fallen im Ernstfall wesentlich leichter und man gerät nicht in Panik.

Erste Hilfe: Verschlucken

Ab welchem Alter macht denn ein Erste-Hilfe-Kurs Sinn?

Eigentlich kann man gar nicht zu früh damit beginnen, ich habe auch schon Kurse in Kindergärten gemacht und gemeinsam mit den Kindern Pflaster aufgeklebt und Dreiecksverbände gemacht. Gerade Kinder sind da sehr interessiert und saugen die Informationen geradezu auf. Es ist nie zu früh dafür und wenn sie es spielerisch lernen, tun sie sich ganz leicht damit. Altersabhängig werden die Techniken der Ersten Hilfe nach und nach erweitert, bis auch im Schulalter mit dem Training der Herzdruckmassage begonnen werden kann.

Muss man bei Babys nicht besonders vorsichtig sein, dass man nichts „kaputtmacht“?

Du kannst bei korrekt angewendeten Erste-Hilfe-Maßnahmen eigentlich nichts kaputtmachen. Denn gerade beim Säugling ist zum Beispiel der Brustkorb im Gegensatz zum Erwachsenen noch sehr elastisch, noch kein harter Knochen, sondern knorpelig. Dadurch kann der Brustkorb durch eine Herzdruckmassage nicht brechen. Selbst wenn du eine Herzdruckmassage machst, obwohl das Herz noch schlägt, passiert nichts. Allerdings muss man das alles vorher trainieren: wie stark und wie tief, in welcher Frequenz. Einfach drauflos sollte man nicht agieren, damit die gesetzten Maßnahmen auch den erforderlichen Erfolg erzielen. Wobei es sogar dann noch besser ist, etwas zu tun, als gar nicht zu reagieren. Außerdem wirst du wirklich gut vom Notrufexperten der Rettungsleitstelle instruiert und solange telefonisch begleitet, bis der Rettungsdienst da ist und übernimmt.

Besser generell lieber einmal zu oft den Rettungsdienst rufen, insbesondere dann, wenn du dir unsicher bist, was zu tun ist. Bei medizinischen Notfällen ist immer der Rettungsdienst über die jeweilige Notrufnummer zu alarmieren.

Wenn du mehr über Erste-Hilfe-Themen wissen möchtest, findest du hier allgemeine Infos und hier genauere Hinweise bei StürzenVerbrennungen und Sonnenstich.

 

 

                Notfallnummer Deutschland: 112

                Notfallnummer Österreich: 144

                Notfallnummern Schweiz: 144 oder 112

 

 
Sende diese Seite an einen Freund