Geschlechtsneutrale Erziehung

Kann man Rollenbilder vermeiden?

31.März 2020
Deutsch

Kinder sollen sich frei entfalten können – das heißt auch ohne geschlechtsspezifische Rollen, in die sie gedrängt werden. Aber ist das zwischen pinken Glitzerpüppchen und muskelbepackten Superhelden überhaupt möglich? Welche Unterschiede angeboren sind und wie man anerzogene Rollenbilder vermeidet, schauen wir uns hier an.   


Foto: Humphry Muleba via Unsplash
 

Angeboren oder anerzogen?

Wenn es um genetisch bedingte Unterschiede zwischen den Geschlechtern geht, wird gerne eine Studie zitiert, in der Mädchen vorzugsweise auf Gesichter und Jungs auf abstrakte Formen schauen würden. Was meistens nicht erwähnt wird: Die Unterschiede waren marginal und konnten in weiteren Studien nicht noch einmal bewiesen werden. Die durchführende Wissenschaftlerin kannte außerdem das Geschlecht der Babys – auch das kann das Ergebnis beeinträchtig haben.

Neurobiologin Lise Eliot beschreibt in ihrem (auf Deutsch leider nur noch gebraucht erhältlichen) Buch „Pink Brain, Blue Brain“ (Deutsch „Wie verschieden sind sie?“) vielmehr ein anderes, sehr prägendes Phänomen: Erwachsene behandeln Babys anders, je nachdem, welches Geschlecht sie haben. Und zwar von Anfang an.

Die Unterschiede sind de facto minimal: Mädchen sind sprachlich meist ein wenig weiter, männliche Kinder eher bei der räumlichen Orientierung. Die Gehirne von Jungs reifen anfangs langsamer, später fällt das aber überhaupt nicht mehr ins Gewicht. Männliche Kinder toben dafür gerne und bewegen sich viel – vielleicht mit ein Grund, warum das räumliche Vorstellungsvermögen größer ist. Remo H. Largo, der berühmte Professor für Kinderheilkunde, meint dazu: „Die Geschlechterunterschiede sollten nicht überbewertet werden.“ und

 „Die mittleren Differenzen zwischen Mädchen und Jungen sind viel kleiner als die Unterschiede von Kind zu Kind.“*

Tatsache ist jedenfalls, dass viele Rollenbilder und Klischees durch die Erziehung verstärkt oder gar erst geschaffen werden. Die Auswahl von Spielsachen, Freizeitaktivitäten und ein bewusster Umgang mit Sprache machen einen großen Unterschied für die zukünftige Selbstwahrnehmung, das Selbstbewusstsein und das Verständnis von Geschlechtsrollen.

Klare No-Gos sind natürlich Sätze wie: „Das ist nichts für Mädchen.“ oder „Echte Männer weinen nicht.“

Viel schwieriger ist es aber, unbewusste Geschlechtsunterschiede zu vermeiden. Zum Beispiel, wenn Mädchen ermahnt werden, wenn sie laut und wild sind, während das gleiche Verhalten bei Jungs positiver bewertet wird (im Sinne von: er ist durchsetzungsstark). Das gleiche Verhalten wird also einmal subjektiv positiv und einmal negativ bewertet. Unterschiedliche Beurteilungen erfahren Kinder heute aber auch, wenn sie aus „ihren Rollen“ ausbrechen: Zum Beispiel wenn wilde, sportliche, Technik-begeisterte Mädchen zunehmend als „cool“ gelten, während sensible, Kommunikations-begabte, musische Jungs mit dem Vorwurf konfrontiert sind, „schwach“ zu sein.

 

Wie geht man mit den angeborenen Unterschieden in der Erziehung um?

Eine geschlechtsneutrale Erziehung erlaubt natürlich angeborene, geschlechtsspezifische Unterschiede ebenso wie persönliche Charakteristika. Diese Unterschiede müssen aber gerecht behandelt und nicht bewertet oder gar abgewertet werden. Wenn ein Mädchen wild und laut sein möchte, dann darf es das genau so sein wie ein Junge – oder beide dürfen es nicht, weil es situationsbedingt gerade unpassend ist.

Mädchen sollten nicht automatisch mit Puppen beschenkt werden – außer sie wünschen sich diese natürlich. Ebenso wenig müssen alle Spielsachen für Jungs blau, grün und mit Rädern sein. Auch viele Buben mögen Pink, Glitzer und lange Haare, wenn man nicht wertend eingreift.

Kinder sollen ausprobieren dürfen, in welcher „Rolle“ sie sich gefallen bzw. wohlfühlen. Viele Kinder haben Phasen, in denen sie eine ganz extreme Ausprägung von typisch mädchenhaften oder typisch männlich konnotierten Verhaltensweisen zeigen. Die Rede ist von der „Pink-Glitzer-Prinzessinnen-Phase“ oder einer betont kämpferisch-rebellischen-Episode. Der beste Tipp: abwarten und ausleben lassen.

 

Stolpersteine bei der geschlechtergerechten Erziehung

  • Man ist sich seiner eigenen Vorurteile nicht bewusst oder muss erst lernen, diese zu erkennen und abzulegen.
  • Man muss eventuell mit Diskussionen im Familien- und Bekanntenkreis rechnen. Manchmal wird der Versuch, geschlechtsneutral zu erziehen missverstanden und als „Mädchen soll das feminine weg-erzogen werden“ bzw. „Jungs dürfen nicht mehr Jungs sein“ gewertet.
  • Kinder brauchen familiären Rückhalt, wenn sie mit Vorurteilen aus dem Freundeskreis konfrontiert oder gehänselt werden, weil sie entgegen den gängigen Klischees handeln (z.B.: das Mädchen im Ritterkostüm oder der Junge mit pinken Gummistiefeln)

Unterschiede dürfen sein – Ungerechtigkeit nicht.

Bei der geschlechtsneutralen oder geschlechtsgerechten Erziehung geht es jedenfalls nicht darum, alle gleich zu machen, sondern den Kindern die Wahl zu lassen, welche Charaktereigenschaften und Vorlieben sie haben und sie ausleben wollen – unabhängig davon, welchem Geschlecht diese traditionell zugeordnet sind.

 

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Quellen:
https://www.diepresse.com/751419/buben-und-madchen-der-grosse-unterschied
https://www.zeit.de/wissen/2010-06/hirnentwicklung-kleinkinder-geschlechter/seite-2
https://sz-magazin.sueddeutsche.de/die-loesung-fuer-alles/ich-will-keine-prinzessin-sein-85517
https://www.zeit.de/2012/34/C-Schule-Kindergarten-Schweden/seite-2

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