Hilfe, ich habe ein Schreibaby!

Ursachen und Beruhigungstaktiken

03.Nov 2019
Deutsch

Das Baby ist endlich da, die Freude ist groß, doch dann – der kleine Schatz brüllt. Und zwar ständig. Kein Wunder, wenn dann von der großen Liebe vielleicht weniger zu spüren ist als von purer Verzweiflung. Manchmal auch Wut. Warum brüllt es nur? Was mache ich falsch? Wie kann ich diesen, für alle Beteiligten, fürchterlichen Zustand beenden oder wenigstens leichter machen? Bevor wir zu einigen Tipps kommen, gehen wir einer wesentlichen Frage auf den Grund.


Foto: Tim Bish on Unsplash

Was sind die Ursachen für das Schreien?

Ein Neugeborenes hat ein sehr eingeschränktes Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten – und schreien ist eine davon. Das lautstarke Bemerkbarmachen kann vieles bedeuten. Zum einen kann es körperliche Ursachen haben wie Hunger, Durst, Schmerzen, Hitze, Kälte oder Müdigkeit. Meist ist auch von den sogenannten „Dreimonatskoliken“ die Rede. Gemeint ist damit, dass der Magen-Darm-Trakt des Babys noch nicht ausgereift ist und es deswegen beim Verdauen und den Darmbewegungen zu Schmerzen bzw. Irritationen kommt. Aber auch psychische Ursachen wie der Wunsch nach Nähe oder Überforderung mit Reizen kommen in Frage.

Eine Vermutung ist auch, dass „Blockaden“ im Zusammenhang mit der Geburt für eine Art Trauma sorgen. Das kann eine sehr schnelle natürliche Geburt genau so sein wie ein Kaiserschnitt. 

Wie du siehst, gibt es viele Spekulationen, aber keine sichere Antwort. Und auch wenn oft gesagt wird, dass Eltern die Äußerungen ihrer Kinder mit der Zeit verstehen: keine Sorge, wenn das bei dir nicht der Fall ist. Du bist kein „schlechter“ Elternteil, wenn du nicht bei jedem Geräusch deines Kindes weißt, was Sache ist. Oft sind es nämlich auch mehrere Faktoren in Kombination, die dein Baby unruhig machen. „Schreibabys“ sind oft sensible, manchmal auch temperamentvolle Kinder, die vielleicht auf ein Ziehen im Bauch oder andere Sinnesreize mehr reagieren als „ruhige“ Kinder. Eine Gemeinsamkeit von Schreibabys ist oft, dass sie relativ wenig schlafen und/oder sich generell schwer selbst beruhigen und in den Schlaf finden können. Oft vergisst man einfach, dass so ein Neugeborenes noch ein sehr „unfertiges“ kleines Wesen ist, wenn es auf die Welt kommt: es kann sich kaum selbst bewegen, sieht wenig und ist absolut schutzlos. In vielen Kulturen werden sie darum in den ersten 3 Monaten rund um die Uhr mit engem Körperkontakt von (manchmal mehreren) Erwachsenen getragen und schlafen so auch bei den Eltern. In dieser Zeit sind Gesichter eigentlich auch das einzige, das Babys sehen können (und manchmal auch wollen). Alles andere überfordert viele – mit ein Grund, warum Neugeborene erst einmal fast ausschließlich schlafen: ein Schutzprogramm und die beste Möglichkeit für den kleinen Körper, weiter zu reifen. Weinen gehört in der Zeit erst einmal als eine der wenigen Ausdrucksmöglichkeiten einfach dazu.

Ein schreiendes Baby ist also erst einmal völlig normal.

Was ist ein Schreibaby?

Wenn Schreien ganz normal ist, was ist dann aber ein Schreibaby?

Die offizielle Definition lautet: ein Baby, das

  • über 3 Wochen
  • an mindestens 3 Tagen
  • mehr als 3 Stunden schreit (nicht am Stück, in Summe über 24 Stunden).

Die Frage ist aber: ist so eine Definition hilfreich? Wichtiger ist es vielleicht, auf den Zustand der Eltern zu achten. Das Schreien kann für den oder die eine(n) früher oder später zur Belastung werden. Jede Minute Schreien ist enormer Stress – dieser ist auch körperlich am Herzschlag und Hormonen im Blut messbar, bei den Babys an Muskelanspannung und schlimmsten Fall Verspannung. Die Lautstärke eines schreienden Babys übertrifft locker jeden Staubsauger. Wichtig ist, sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen und zu erkennen, wann man sich überfordert fühlt, Aggressionen Überhand nehmen und man vielleicht Hilfe von außen braucht. Scheue dich nicht, sie in Anspruch zu nehmen, ganz gleich ob dein Baby laut klassischer Definition nun als Schreibaby gilt oder nicht!

Wie beruhige ich mein Baby am besten?

Ein schreiendes Baby ist purer Stress für alle rundherum. Was manchmal aber fast genauso schlimm ist, sind die vielen, vielen Ratschläge, die man von allen bekommt. Jede(r) scheint es besser zu wissen als man selbst. Und nicht selten widersprechen sich die Meinungen: mehr Nähe vs. nicht zu viel verwöhnen, mehr schlafen vs. weniger Schlaf, stillen nur nach Plan vs. stillen nach Bedarf auch zur Beruhigung …

Durch die Panik, die ausbricht, machen manche Eltern fast zu viel, statt zu wenig für das Baby. Also nicht hektisch eins nach dem anderen im Minutentakt durchprobieren, sondern gib dir und deinem Kind Zeit, sich an eine Situation zu gewöhnen und wieder „runterzukommen“. Wichtig ist herauszufinden, welches Angebot dem Kind zu welchem Zeitpunkt hilft. Einfaches Beispiel: hat es gerade erst gegessen, wird es wohl eher nicht hungrig sein. Was auch immer du tust: immer mit der Ruhe und im worst case einfach nach dem Ausschlussprinzip seine eigene Checkliste abhaken:

  • Essen
  • Wickeln
  • Schlafen:
    schläft dein Baby schlecht ein, gibt’s verschiedene Taktiken.
    „White Noise“ oder „Weißes Rauschen“: monotone Hintergrundgeräusche helfen manchen Kindern beim Einschlafen. Besonders beliebt: der Fön und der Dunstabzug. Ist der Fön schon heiß gelaufen? Dafür gibt es sogar online Playlists.
    Manche Neugeborene, die sich beim Einschlafen im Bett schwertun, lieben die Federwiege, andere mögen es, eine Begrenzung zu fühlen, wie sie beim Pucken der Fall ist.
  • Tragen:
    Eng verbunden mit dem Schlafen ist das Tragen, das vielen Kindern durch das rhythmische Schaukeln nicht nur bei Verdauungsproblemen, sondern auch beim Einschlafen hilft. Es gibt nicht nur jede Menge superschicke Tragetücher, sondern auch Tragehilfen, die schnell an- und abzulegen sind, falls man nicht binden möchte.
    Abseits von Tragehilfen kann auch der einfache Fliegergriff helfen – vor allem bei Verdauungsproblemen.
  • Nuckeln:
    Besteht der Verdacht auf Verdauungsprobleme, kann der Griff zum Schnuller helfen, das vermehrte Saug- und Beruhigungsbedürfnis zu stillen. Wenn du das Gefühl hast, dass dein Baby sich gut an die Brust gewöhnt hat, probiere es einfach mal aus und hole dir im Zweifelsfall eine Stillberaterin für Hilfe.   
  • Alternativmedizin:
    Es gibt speziell für Säuglinge osteopathische Angebote, die eventuelle Blockaden durch die Geburt lösen können.

Es gibt Momente, da scheint gar nichts zu helfen. Wenn du die Kraft hast, halte dein Baby liebevoll im Arm und steh ihm bei – zu spüren, dass jemand da ist, man angenommen und geliebt wird, auch wenn es einmal nicht so toll läuft, kann nie verkehrt sein. Probier mal, während der Brüllattacken deinem Schatz deine eigenen Sorgen ganz ruhig zu erzählen. Stell dir vor, ihr heult euch einfach mal beide aus – vielleicht hilft dir das, das Weinen nicht als Vorwurf gegen dich zu sehen und ein bisschen runterzukommen. In diesem einen Moment fühlt ihr euch beide womöglich den Umständen ausgeliefert, aber das ist nur ein kleiner Teil auf einer gemeinsamen Reise, die noch viele Tage Sonnenschein für euch beide bringen wird.

Das Wichtigste: fühlst du dich überfordert und spürst, dass Verzweiflung und Aggressionen sich bemerkbar machen, nimm professionelle Hilfe in Anspruch!

Hier findest du eine Schreiambulanz in deiner Nähe.

Aber auch Kinderordinationen und Hebammen helfen dir akut gerne weiter.

Zum Schluss noch ein Lesetipp: So beruhige ich mein Baby

 

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