Ich dachte, mit dem Baby stimmt was nicht

Blog Gastartikel: Juli von Doppelkinder

03.Feb 2020
Deutsch

Ein Baby, das öfter mal ohne Schuckeln und Tragen einschläft? Im Leben von Juli vom Blog Doppelkinder existierte so etwas höchstens in den allerkühnsten Träumen. Und selbst da nur äußerst selten. Doch das neue Baby scheint über diese unglaubliche Fähigkeit zu verfügen – was die Gastautorin anfangs völlig fassungslos machte. Da konnte doch etwas nicht stimmen, oder?

Mama mit Baby

Foto: Doppelkinder

Die Zwillinge waren sehr körpernahe Babys: Stundenlang trugen und schuckelten wir sie in den Schlaf. Wenn die Äuglein dann endlich nicht immer wieder aufgeploppt sind wie kleine Kistenteufel, bedeutete das für uns Eltern längst keine körperliche Freiheit – an Ablegen war nicht zu denken. So als seien sie mit speziellen Sensoren ausgestattet, wachten sie sofort auf, sobald man die aufwändige Choreografie beendet hatte: Schuckeln, durch die Wohnung wandern, summen, singen, Shhhhhh-shhhhhh-Geräusche fabrizieren, Kinder in Zeitlupentempo ablegen und die Hände nur millimeterweise ganz langsam vom Körper entfernen. Die Erfolgsquote dieser komplexen Performance ging gegen 0, die Kinder schliefen am liebsten auf dem Arm, der idealerweise einem Elternteil gehörte und sich dauerhaft leicht bewegte. Wenn man den richtigen Zeitpunkt erwischte, konnte man sich mit einem der Babys vorsichtig in eine halbliegende Haltung bringen, für deren Abstützung es lediglich zehn bis zwölf Kissen bedurfte, und einen Moment ungewisser Dauer mit Baby auf der Brust ausruhen.
 

Das neue Baby ist anders

Das neue Baby ist anders. Neulich wanderte ich mit ihm durch unsere Wohnung. Wiegte es im Arm, summte, machte Shhhh-shhh-Geräusche – und das Baby war außer sich. Es brüllte seine Haut in die Farbe von Roter Bete, zwischen seinen Augen bildete sich eine steile Zornesfalte und sowohl seine als auch meine Stirn war von Schweißtropfen gezeichnet. Ok, beim Baby bin ich mir nicht ganz sicher, aber ich habe definitiv geschwitzt. Als meine Arme unter den angehenden fünf Kilogramm des Sohnes zu erlahmen drohten, kamen mir die Worte unserer Hebamme in den Sinn: „Manchmal wollen Babys auch einfach nur ihre Ruhe haben und nicht getragen werden.“

Ich konnte mir das zwar nicht vorstellen nach der Babyzeit mit den Zwillingen, aber ich wagte einen halbherzigen Versuch und legte den Zwerg in sein Stubenbett. Sofort kehrte Ruhe ein. Ich war fassungslos. Vorsichtshalber ließ ich meine Hand auf dem Bauch des Babys liegen und summte weiter, es sollte schließlich nicht denken, es habe sich eine desinteressierte Rabenmutter ausgesucht oder sei allein in der Wildnis ausgesetzt worden – sicher ist sicher. Das Baby schlief auf der Stelle ein und blieb für die nächsten anderthalb Stunden in diesem Modus. Gut eine davon kauerte ich in tiefer Verunsicherung neben ihm. Den Rest der Zeit räumte ich die Küche auf, jedoch nicht ohne regelmäßig zum Bettchen zu pilgern und zu überprüfen, ob das Kind noch atmet.
 

Große Brüder als Schlafunterbrecher

Ein Baby, das einfach so im Liegen einschläft, ohne elterliche Beihilfe – das befand sich jenseits meiner Vorstellungskraft. Doch offenbar hatte ich ein solches Exemplar hervorgebracht. Und das Kind kommt sogar längst nicht immer dazu, seine Kompetenzen auf diesem Gebiet voll zum Ausdruck zu bringen. Wenn die Zwillinge in der Nähe sind, landet oft ein brüderlicher Finger im Ohr des Babys oder es muss dringend überprüft werden, ob sich die Haare immer noch so flauschig anfühlen oder die Füße noch so niedlich sind. In der Welt eines Vierjährigen fällt das offensichtlich unter „lass den Kleinen bitte noch etwas schlafen“.

Wohlwissend, dass es immer Phasen gibt und geben wird, in denen es anders ist, genießen mein Mann und ich derzeit die Einschlaf- und Rumliege-Kompetenz unseres dritten Sohnes. Dennoch haben wir beide nie so ganz vergessen, dass wir mit den beiden Erstgeborenen beinahe Trampelpfade ins Laminat gewandert hätten. Schön, wenn es nun an vielen Tagen anders ist. Aber selbst wenn Babys lieber tragend in den Schlaf befördert werden, weiß ich heute: „Das geht vorbei!“ Meines Wissens muss kein 14-Jähriger mehr ins Land der Träume geschuckelt werden.

P.S.: Ich finde übrigens, dass Mamas wahre Superheldinnen sind und das nicht nur, weil sie die Fähigkeit haben Babys stundenlang zu tragen. Das hat noch ganz andere Gründe – und diese schildere ich hier.

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