Im Interview mit Lisa Hallwirth und ihren Zwillingen

Über Unterschiede und Besonderheiten

24.Nov 2018
Deutsch

Lisa Hallwirth, Bloggerin von 2littlesnowflakes, Marketingmanagerin und stolze Mama von Zwillingen erzählt heute über die Unterschiede ihrer Kleinen. Im Interview erfährst du, wie sie mit der Fehlbildung ihres Sohnes Luis umgeht und was den kleinen Fratz so besonders macht.

Im Interview mit Lisa Hallwirth und ihren Zwillingen

Foto: Little Big Heart by MAM 

 

1. Bei unserem Muttertagsvideo durften wir dich kennenlernen und haben von dir erfahren, dass eines deiner Kinder eine Fehlbildung an der Hand hat. Um welche Art von Fehlbildung handelt es sich hierbei und was sind die möglichen Ursachen dafür?

Ich freue mich wirklich sehr, dass ihr mich nochmals eingeladen habt. Dennoch möchte ich gleich zu Beginn sagen, dass ich das Wort „Fehlbildung“ ganz schrecklich finde. Nur weil etwas anders ist als wir es gewohnt sind, muss es doch nicht gleich falsch bzw. ein Fehler sein. Ich sage also viel lieber zum Beispiel „Special Edition“ dazu.
Luis rockt mit seiner linken Hand nämlich mit 2 statt 5 Fingern. Das liegt daran, dass sich während der Schwangerschaft keine Elle bei ihm gebildet hat. Die Ärzte sprechen dabei von einer reinen „Laune der Natur“.
 

2. Wann wurde diese Diagnose gestellt und was war deine erste Reaktion darauf?

Wir haben es beim Organscreening in der 22. SS-Woche erfahren. Die Gynäkologin wurde plötzlich ganz still und da wussten wir gleich, dass etwas „nicht stimmt“. Natürlich war es im ersten Moment für meinen Mann und mich ein riesen Schock, deswegen die Schwangerschaft mit Luis abzubrechen kam für uns beide aber ganz klar nicht in Frage.
 

3. Haben sich deine Gefühle diesbezüglich in der Schwangerschaft und nach der Geburt verändert?

Die ersten drei Tage nach der Diagnose habe ich sehr viel geweint – vor allem, weil ich nicht wusste, was das für unseren Sohn bedeutet. Wie wird es aussehen? Wie wird er damit im Alltag zurechtkommen? Was wird die Zukunft bringen? Fragen über Fragen die in einer solchen Situation ganz normal sind. Es ist oft die Angst einfach vor dem Ungewissen, die einen so sehr verunsichert.
Ich habe dann viel darüber in Foren gelesen und mich mit Eltern sowie Menschen, die selbst mit Special Editions an Armen und/oder Beinen zur Welt gekommen sind (der Fachausdruck dafür lautet übrigens Dysmelien) ausgetauscht. Das hat mir innerhalb kürzester Zeit sehr viel Angst genommen.
Ich habe so lebensfrohe und positive Menschen kennengelernt, die ihr Leben ganz genau so gewuppt bekommen. Nur eben in manchen Dingen auf eine etwas andere Art und Weise als ich selbst es eben mit 10 Fingern tue.
Und als Luis dann auf der Welt war und ich dieses winzig kleine Wesen zum ersten Mal auf meinem Arm hatte, waren auch die aller letzten Zweifel verflogen.
 

Im Interview mit Lisa Hallwirth und ihren Zwillingen

Foto: Little Big Heart by MAM 

4. Wie geht man damit deiner Meinung nach am besten um?

Ich verhätschle Luis nicht mehr oder weniger als seine Schwester Liah. Und was er niemals von uns bekommen wird ist Mitleid. Verständnis ja. Aber Mitleid ist hier nicht nötig.
Luis wird seine Wege finden und ich werde immer für ihn da sein, um ihn aufzufangen, sollten die ersten Versuche mal nicht so gut klappen. Genauso wie ich es auch bei Liah machen werde.
 

5. Gibt es Dinge, die du auf Grund der „Special Edition“ anders handhabst? Sprich Kleinigkeiten, die tatsächlich auch schon im Babyalter berücksichtigt werden sollten?

Nachdem Luis seinen Ellbogen nicht strecken kann und sein Arm daher immer etwas über 45 Grad angewinkelt ist, bin ich natürlich besonders vorsichtig beim Anziehen von Pullis, Westen, Jacken usw. Inzwischen funktioniert jedoch auch das ruckzuck.
Bald steht außerdem ein MRT seines Armes an, um zu sehen, ob er diesen mit Hilfe einer Operation von selbst etwas weiter in die Streckung bringen kann. Danach werden wir mit ihm zur Physiotherapie gehen, um die Beweglichkeit und Feinmotorik zu trainieren.
Momentan ist das jedoch noch kein Thema, weil er seine Hand total viel einsetzt und erforscht.
 

6. Was sind deine Bedenken, Vorstellungen und Hoffnungen für die Zukunft der beiden Knirpse?

Natürlich kann ich jetzt noch nicht sagen, was in 2, 5 oder 10 Jahren sein wird. Ich denke, es wird natürlich auch unangenehme Situationen für ihn oder uns geben. Kinder, aber auch Erwachsenen können ja bekanntlich sehr grausam sein. Aber wir werden auch solche Situationen gemeinsam als Familie durchstehen.
Ich wünsche mir für meine Beiden, dass sie aufgeschlossene, selbstbewusste, freundliche und glückliche Menschen werden, die das Leben genießen und die Aufgaben, die es ihnen stellt als Möglichkeiten und nicht als Hindernisse sehen.
 

7. Welche Besonderheiten haben deine Zwillinge außerdem und was unterscheidet sie schon jetzt als kleine Persönlichkeiten?

Ach die Beiden sind sooo unglaublich unterschiedlich! Liah ist unser Wirbelwind und kaum zu bändigen, wenn sie mal in Fahrt ist. Vor ihr ist wirklich nichts und niemand sicher. Luis ist da viel ruhiger und geduldiger. Er kann sich minutenlang mit einer Sache beschäftigen und erforscht diese bis ins kleinste Detail.
Ich bin also sehr gespannt, wie das weitergeht mit den Beiden und genieße jede Sekunde in der ich sie bei ihrer Entwicklung beobachten kann.

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