Kann Geburtsvorbereitung wirklich auf die Geburt vorbereiten?

Blog Gastartikel: Von guten Eltern

25.Dez 2018
Deutsch

Gastbloggerin Anja vom Blog Von Guten Eltern spricht darüber, in welchen Situationen die Geburtsvorbereitung tatsächlich Sinn ergibt.

Kann Geburtsvorbereitung wirklich auf die Geburt vorbereiten?

Wenn wir Auto fahren lernen wollen, besuchen wir eine Fahrschule. Wenn wir italienisch lernen wollen, machen wir einen Sprachkurs. Doch kann ein Geburtsvorbereitungskurs wirklich auch auf eine Geburt vorbereiten?
 

Erwartungen und die Realität

Geburtsvorbereitungskurse gehören für viele Eltern mittlerweile zum „Pflichtprogramm“, wenn sie ein Kind erwarten. Sich auf besondere Situationen gut vorzubereiten, ist immer sinnvoll. Geburten finden längst nicht mehr selbstverständlich zu Hause statt und werden so von anderen Familienmitgliedern miterlebt. Heute ergibt sich für Frauen also eher selten die Gelegenheit, andere Geburten zu erleben, bevor sie selbst das erste Mal vor diesem Moment stehen. 

Die meisten Menschen haben also, wenn sie nicht gerade beruflich mit dem Thema konfrontiert sind, wenig Erfahrung im Kontext Geburt. Natürlich hat man viel gehört und gelesen und vielleicht auch in Filmen oder Dokumentationen etwas dazu gesehen. Doch all dies sind immer nur Ausschnitte. Eine Geburt von Anfang an bis zum Beginn des Wochenbettes zu begleiten, ist eine gänzlich andere Erfahrung als nur kleine selektierte Ausschnitte davon am Bildschirm zu sehen. Viele Fragen bleiben offen und die vielschichtigen Emotionen einer Geburt lassen sich nur erahnen. Deshalb ist die Erwartung an den Geburtsvorbereitungskurs meist, dass offene Fragen beantwortet werden und sich die Vorstellungen über eine Geburt konkretisieren.

Doch Geburt ist so vielschichtig und individuell, dass man sich nicht abschließend auf alle Eventualität vorbereiten kann. Auch wenn ich vor der Geburt unseres ersten Kindes schon etliche Geburten gesehen und begleitet habe, so war meine erste Geburt doch ganz anders als ich es mir vorgestellt hatte. Trotzdem fühlte ich mich gut vorbereitet, weil ich vor allem vorab gelernt hatte, mir und meinem Körper zu vertrauen. Und das theoretische Wissen half mir, trotz eines ganz anders als gedachten Verlaufs an bestimmten Punkten die richtigen Entscheidungen zu treffen.

 

Wissen ist wichtig für die Selbstbestimmung

Natürlich müssen nicht alle Schwangeren vor der Geburt ein Hebammenstudium absolviert haben. Aber Wissen gibt Sicherheit und hilft dabei auch in schwierigeren Momenten, die eigene Selbstbestimmung zu wahren. Und dies ist ein sehr entscheidender Aspekt dabei, wie Frauen die Geburt erleben und im Nachhinein bewerten und verarbeiten. Es gibt in Geburtsverläufen immer wieder Situationen, die oft kurzfristig einen Kurswechsel erfordern. Gleichzeitig ist aber eine Geburt keine Situation, in der der Kopf rationale Entscheidungen treffen kann und sollte. 

Darum ist es gut, vorab zu überlegen, was einem persönlich wirklich wichtig ist in Bezug auf die Geburt. Und danach sollte man dann Geburtsort und Begleiter auswählen. Durch den Hebammenmangel und immer mehr schließende geburtshilfliche Einrichtungen ist diese Wahlfreiheit allerdings mittlerweile ziemlich eingeschränkt. Umso wichtiger ist es, dass Frauen und Paare gut informiert in die Geburt starten. Zu wissen, was den Geburtsverlauf fördert oder aber auch stört, hilft gerade in Momenten, in denen es vielleicht personell eng ist und die für alle Frauen wünschenswerte 1:1-Betreuung nicht gegeben ist.

Wissen ist auch wichtig, um die Wehen und alle mit der Geburt verbundenen körperlichen Empfindungen einschätzen zu können. So kann man mit den Geburtskräften arbeiten, anstatt sich davon überrollt zu fühlen. Geburtsvorbereitung ist also auch immer eine körperliche und mentale Vorbereitung. Da der klassische Geburtsvorbereitungskurs nur 14 Zeitstunden vorsieht, sind ergänzende Kurse wie Schwangerenyoga oder das Hypnobirthing sinnvoll. Was für jede einzelne Frau hier passend sein kann, ist so individuell wie jede Frau selbst. Offline wie online gibt es dazu jedenfalls zahlreiche Möglichkeiten. 
 

Ein Plan A und ein Plan B und vielleicht auch ein Plan C

Die Geburt lässt sich nicht planen. Bei all meinen vier Kindern lief immer etwas ein wenig anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Aber alle Vorstellungen vorab haben mir immer geholfen, mich unter der Geburt zu fokussieren. Mal war die Atmung aus dem Schwangerenyoga hilfreich, mal die positive Affirmation aus dem Hypnobirthingkurs. Und gerade beim ersten Kind vor allem das Wissen, dass auch Kinder aus einer Beckenendlage gut spontan geboren werden können. 

Kraft und Sicherheit gab mir in der Situation auch das Wissen, dass ich in dieser etwas besonderen Situation gut begleitet bin, nachdem aus aus Plan A (der Hausgeburt) nun schon ein Plan B (die Geburt in der Klinik) geworden war. Und vielleicht ist manchmal auch noch ein Plan C erforderlich, weil sich eben eine Geburt nicht wirklich planen lässt. 

Aber zu einer guten Vorbereitung gehört für mich vor allem, dass ich mit dem nötigen Wissen, dass ich persönlich brauche und dem Vertrauen in meinen Körper gut in die Geburtsarbeit gehen kann. Gute Kursangebote zur Geburtsvorbereitung können und sollten genau dies unterstützen. Und sind damit weitaus mehr als nur oftmals belächelte Hechelkurse…

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