Mama-Kind oder Papa-Kind

Total fixiert: Wie geht man damit um?

19.Mai 2020
Deutsch

Wenn das Kind an einem Elternteil hängt, kann das nicht nur im Alltag anstrengend sein, sondern für den anderen auch schmerzhaft. Viele Eltern fragen sich dann, ob sie etwas „falsch“ gemacht haben, wie sie den Zustand ändern können oder werden gar mit Vorwürfen konfrontiert, sie hätten das Kind zu sehr „verwöhnt“. Was hinter der übermäßigen Bindung steckt, wie sich das Bindungsverhalten entwickelt und mehr liest du hier. Kleiner Spoiler: alles nur eine Phase!  


Foto: The Honest Company via Unsplash

Das kindliche Bindungsverhalten

Die gute Nachricht für alle, die mit dem Status quo nicht zufrieden sind: Das kindliche Bindungsverhalten verändert sich ständig. In den ersten Jahren bindet sich das Kind bedingungslos an seine Bezugspersonen, um sich später dann von ihnen zu lösen – das ist ein ganz natürlicher Prozess. Grundlage ist am Beginn der Beziehung einzig und alleine der regelmäßige Kontakt mit dem Kind.

Die Art und Weise wie sehr sich ein Kind bindet, ist aber wie viele andere Eigenschaften individuell unterschiedlich. Auch die einzelnen „Unterbereiche“ des Bindungsverhaltens wie z.B. Nähe, gemeinsame Aktivität oder körperliche Bedürfnisse können ebenfalls verschieden ausgeprägt sein. Ein Kind braucht zum Beispiel immer Sichtkontakt, spielt aber alleine, ein anderes möchte dafür mehr gemeinsame Beschäftigung.*

Wie feinfühlig die Bezugsperson auf ein Kind eingeht, hat allerdings Einfluss auf das Bindungsverhalten bis ins Alter und das Selbstwertgefühl. Kinder, deren Bedürfnisse verlässlich wahrgenommen werden, erhalten eine „sichere Basis“ von der aus sie die Welt erkunden können und allgemein Vertrauen in Beziehungen. Sie zeigen deutlich, dass sie ihre Bezugsperson vermissen und große Freude, wenn diese wieder da ist.**

 

Fixierung auf eine bestimmte Person

Kinder sind also oft allein durch die Umstände eher auf eine Person fixiert: sie verbringt schlichtweg die meiste Zeit mit dem Kind, versorgt es kontinuierlich, tröstet, füttert, spielt und legt es wahrscheinlich auch hin. Das Kind ist an diese Abläufe gewöhnt. Oft sind im Alltag die Mütter die Hauptversorgerinnen und damit erklärt sich auch, warum es so viele „Mama-Kinder“ gibt. Mütter verwöhnen ihre Kinder dabei nicht übermäßig – sie sind einfach öfter da.

Das Bindungsverhalten von Kindern verändert sich je nach Entwicklungsstand bzw. Alter.

 

Alles nur eine Phase

Bedingt durch die Entwicklung des Kindes ändern sich Vorlieben für Aktivitäten – und auch Bezugspersonen. Oft werden Väter besonders interessant, wenn Kinder mobiler werden. Viele Väter sind gern mit ihren Kindern unterwegs, spielen und toben mit ihnen anders. Doch ganz unabhängig von (wahren oder unwahren) Klischees: Das Kind lernt schnell, dass verschiedene Bezugspersonen unterschiedliche Eigenschaften oder „Vorteile“ haben.

Kinder können bereits ganz früh zwischen Bezugspersonen unterscheiden. Legt zum Beispiel der Opa das Kind immer mit Singen, Lesen, Streicheln und besonders viel Aufmerksamkeit hin, stehen die Chancen gut, dass Opa die bevorzugte Person zum Schlafengehen ist.**

 

Der Einfluss des Geschlechts

In der kindlichen Entwicklung gibt es außerdem Phasen, in denen das eigene oder das fremde Geschlecht besonderes Interesse wecken. Ob Identifikation oder Abgrenzung – unterschiedliche Bezugspersonen sind auch für diese „Selbstfindung“ wichtig.

 

Heißt Fixierung auch mehr Liebe?

Eindeutig nein. Nur weil ein Kind einen Elternteil bevorzugt, heißt das nicht, dass es den anderen ablehnt oder weniger liebhat. Wie erwähnt spielt die Gewohnheit eine große Rolle sowie der aktuelle Entwicklungsstand. Eine Fixierung ist meistens nicht bedenklich – problematisch wird diese nur, wenn sie zu negativen Gefühlen oder Überlastung bei den betroffenen Erwachsenen führt.

Helfen kann es, das Verhalten des Kindes möglichst objektiv in verschiedenen Momenten zu beobachten. Oft stellt man fest, dass das Kind je nach Situation durchaus unterscheidet und zu beiden Eltern „einen Draht hat“.

 

Raus aus der „Fixierungsfalle“

Wird die Fixierung zur Belastung, müssen sich Eltern weder selbstaufopfernd den Umständen ergeben und immer für das Kind da sein noch als gefühlt 5. Rad am Wagen leben. Wichtig ist zu schauen, sich Freiräume zu schaffen und den anderen mehr einzubinden. Eine Analyse der Situation kann helfen, Lösungen zu finden – denn die muss jede Familie für sich erarbeiten

  • Was braucht das Kind gerade?
  • Welchen Freiraum wünscht sich das eine Elternteil?
  • Wie kann das andere Elternteil mehr eingebunden werden?
  • Wo kann die „andere“ oder „neue“ Bezugsperson dem Kind welches „Angebot“ machen bzw. auf seine Bedürfnisse reagieren, um die Bindung zum anderen zu stärken? Oder anders: was macht dem Erwachsenen Spaß, mit dem Kind zu unternehmen oder welche Alltagsaufgaben kann er/sie zeitlich übernehmen?
     

Kinder spüren außerdem die Stimmung zwischen den Eltern. Wenn beide von neuen Abläufen und einer anderen Aufteilung der Aufgaben überzeugt sind, feinfühlig auf die Bedürfnisse des anderen eingehen und gemeinsam Lösungen finden, wird sich das auch positiv auf das Kind auswirken.

 

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Quellen:

*Remo H. Largo, Kinderjahre, 2014, S. 124 ff

**Remo H. Largo, Kinderjahre, 2014, S. 160 ff

**https://kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/psychologie/1722

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