Mama und Papa sind doof!

Über Erziehung, Beziehung und ob Kleinkinder Grenzen brauchen

15.Nov 2019
Deutsch

Der ebenso berühmte wie beliebte Familientherapeut und Autor Jesper Juul, der leider im Juli 2019 verstorben ist, war ein großer Verfechter der Meinung: Eltern müssen unpopuläre Entscheidungen treffen. Nur so könnten Kinder Halt und Orientierung finden. Aber schadet so eine Erziehung nicht der Beziehung? In seinem Bestseller „Nein aus Liebe“ erklärt Juul leicht nachvollziehbar, warum das nicht der Fall ist – sondern genau das Gegenteil. Und warum es trotzdem nicht darum geht, Kindern bloß Grenzen zu setzen.


Foto: Paul Hanaoka on Unsplash
 

Kern seiner Theorie ist, dass jeder Mensch sich selbst definieren und abgrenzen muss, oder wie er es treffend formuliert:

„Letztlich können wir nur dann aus vollem Herzen Ja zu uns und zueinander sagen, wenn wir auch zu einem authentischen Nein in der Lage sind.“
(Jesper Juul, Nein aus Liebe, 2006, S. 15)

Warum nein sagen so schwer ist.
Wichtig ist natürlich darauf zu achten, wie wir klar und authentisch unsere Bedürfnisse vermitteln können, ohne andere zu verletzen. In Juuls – und wahrscheinlich in zahlreichen anderen psychotherapeutischen Praxen – zeigt sich in der Arbeit mit Familien aber ohnehin ein ganz anderes Phänomen: wir verletzen andere und uns selbst vielmehr dadurch, dass wir nicht nein sagen. Klar: wir wollen schließlich niemanden vor den Kopf stoßen. Was dann beginnt, ist ein „Eiertanz“ um das, worum es eigentlich geht. Es werden Ausflüchte gesucht, Ausreden gefunden und letztlich die (Eigen-)Verantwortung abgegeben – im Fall der Erziehung von Kindern kann auf diese Art keine klare Linie durchgezogen werden. Das verunsichert alle Beteiligten und führt letztendlich zu mehr Frust, als gleich eine ehrliche Antwort oder Ansage zu liefern.

Mit klaren Worten Verantwortung übernehmen und Vorbild sein.
So ein Zickzack-Kurs sorgt gerade bei Kindern für Verwirrung. Sie wissen nicht, woran sie sich halten sollen, worauf sie sich verlassen können und sind nicht in der Lage zu verstehen, was Eltern sagen, wenn Aussagen kommen wie: „Na gut, wenn es denn sein muss, aber nur dieses eine Mal darfst du noch, aber nächstes Mal gibt es das dann nicht mehr, hast du gehört?!“. Beim nächsten Mal gibt es dann aber vielleicht doch wieder etwas. Oder man wird unvermittelt mit einem schroffen „Nein“ angeblafft. Für Kinder ist nicht erkennbar, was von ihnen gewollt wird.

Als Eltern wollen wir natürlich immer nur das Beste für unsere Schätze. Und gerade in Zeiten massiven Überkonsums zwingt uns kaum noch die finanzielle Situation zu einem Nein (wenn es zum Beispiel um eine Süßigkeit geht). Manchmal überfällt einen später das schlechte Gewissen. Vielleicht sogar gepaart mit Wut und noch mehr Unsicherheit – dadurch leidet man nicht nur selbst, sondern auch das Umfeld.

Finde deinen Führungsstil!
Das gesunde Gleichgewicht zwischen Ja und Nein und eine eigene, klare Linie zu finden, ist eine große Aufgabe. Zahlreiche Bücher zum Thema Führungsstil und ein schier unüberschaubares Angebot an Managerseminaren beweisen es auch im beruflichen Umfeld. Eltern sein und erziehen ist aber durchaus damit vergleichbar: man führt die Kinder durch das Leben und lehrt sie durch sein Vorbild. Nicht jedem Elternteil fällt das auf Anhieb leicht – aber sei nicht zu streng zu dir selbst, denn wie heißt es so schön: Man wächst mit der Aufgabe!

Wir suchen unseren Weg – die Kommunikation einer neuen Generation.

Während früher mit aller Härte eine klare Grenze zwischen Erwachsenen und Kindern gezogen wurde, herrscht heute zum Glück ein ganz anderer Ton. Man legt Wert auf Kommunikation „auf Augenhöhe“. Das darf allerdings nicht bedeuten, dass ab sofort nur noch die Kinder das Sagen haben und jedem Wunsch sofort entsprochen wird. Wesentliche Aufgabe für Eltern ist es also, erst einmal herauszufinden, worauf man selbst Wert legt, was man selbst will und was nicht – denn nur wer einen Zustand zu seinen eignen Bedürfnissen hat, kann diese und daraus resultierende Erwartungen auch klar anderen kommunizieren. Ganz ohne jemandem weh zu tun. Sicher ist nämlich: jeder kann ein Nein aushalten, wenn es verständlich und liebevoll übermittelt wird.

Im Endeffekt wird es die Beziehung zu dir selbst und zu deinem Kind stärken, wenn ihr einen ehrlichen Umgang miteinander pflegt. Und da gehört auch ein Nein dazu – selbst wenn das für einen Zweijährigen in seinen beginnenden Autonomiebestrebungen im ersten Moment noch nicht so ganz nachvollziehbar ist – bleib bei deiner Meinung, es wird euch beiden guttun.

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