Mein Kind und das Smartphone

Blog-Gastartikel: Familianistas

20.März 2016
Deutsch

Gastautorin Andrea Bornhauser von familianistas.ch über die Digital Natives der Zukunft. 

Mein Kind und das Smartphone

Foto: Shutterstock

Letzthin im Restaurant. Mit den Grosseltern. Nachdem mein knapp Zweijähriger - nennen wir ihn den Kurzen - bereits ein Riesen-Tamtam veranstaltet hat, partout nicht auf seinem Hochstuhl sitzen bleiben wollte, das Essen verschmähte und seinen Teller unter lauten Gebrüll von sich gestoßen hat, kam er dann irgendwann: Der Moment der Kapitulation. Entnervt zückte ich mein Smartphone und hielt es dem Kurzen hin. Worauf dieser sich auf der Stelle in ein Lamm verwandelte, nur noch „Schmettärling, Schmettärling“ vor sich hin murmelte und fortan selig ins leuchtende Display starrte. Und mit seinen geübten Wurstfingern die Flügel des virtuellen Schmetterlings ausmalte. Nachdem wir uns an die plötzlich eintretende Stille am Tisch gewöhnt hatten, konnten wir uns endlich dem eigentlichen Grund unseres gemeinsamen Essens widmen: Dem Geburtstag meines Großen, der an diesem Tag immerhin acht Jahre alt wurde. So weit, so gut, dachte ich. 

Wenn da nicht diese Blicke meiner Mutter gewesen wären. Sie beobachtete den Kurzen am Smartphone mit einer Mischung aus Mitleid und Entsetzen. „Findet ihr das jetzt gut, ihn einfach ruhig zu stellen?“, fragte sie kopfschüttelnd. Kurz darauf packte sie den Kleinen, legte mein Handy demonstrativ auf den Tisch und ging mit ihm raus, um eine Runde im Quartier zu drehen. Begleitet vom erneuten Gebrüll des Kurzen. Tja, da saß ich also, konsterniert – und mit dieser Art von schlechtem Gewissen. Typisch für Mamas. Mir kamen alle die Studien in den Sinn, die besagen, wie schädlich Tablets und Smartphones für kurze Menschen doch sind. Weil sie nicht alle fünf Sinne anregen, weil sie kein gemeinsames Spiel, keine Bewegung fördern. Weil sie die kindliche Fantasie einschränken. Und weil sie - tadaaaah! - als elektronische Nanny eingesetzt werden. Als ob es sich um ein Gerät direkt vom Teufel handelt. Aber wie oft war ich als selbständig arbeitende Mutter schon froh, dass es diese Dinger gibt. Wenn zum Beispiel ein wichtiger Anruf kommt, wenn ich in der Zeit zwischen Kita und Abendessen ohne Quengel am Bein kochen möchte, während einer langen Autofahrt – oder eben, im Restaurant. Smartphones verschaffen uns Eltern eine kurze Verschnaufpause, bevor wir uns mit dem Nachwuchs wieder ans Bauklötze stapeln, Buch vorlesen oder Strichmännchen malen machen. 

Klar, mein Mann und ich sind in punkto digitale Medien bei unserem Zweitgeborenen sicherlich nonchalanter als noch beim ersten Sohn. Das hat unter anderem auch damit zu tun, dass unser Achtjähriger halt schon am Handy gamen darf, TV schaut und übers Smartphone Musik hört. Kein Wunder, dass der Kurze superspannend findet, was sein großer Bruder macht. Ausserdem sieht er auch Mama und Papa nicht gerade selten vor ihren kleinen und grossen Bildschirmen sitzen. Wie oft nehmen wir ihm das Handy weg – um dann kurze Zeit später damit eine SMS zu versenden. Inkonsequenter geht’s wohl nicht. 

Und so befinden wir uns als Eltern, die noch nicht der Generation „Digital Natives“ angehören, in einem Dilemma. Wir führen einen steten Spagat zwischen schlechtem Gewissen und dem guten Gefühl, dass wir unsere Kids für die digitale Zukunft rüsten. Damit dieser Kraftakt endlich ein Ende hat, plädiere ich hiermit für mehr Nachsicht. Und nehme mir vor, mich in Zukunft nicht von Menschen wie meiner Mutter einschüchtern zu lassen. Vor allem nicht, wenn diese noch ein Handy besitzen, das nicht mal eine MMS versenden kann.

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