Plötzlicher Kindstod: Interview rund ums Thema SIDS

Lasst uns das Schicksal in die Hand nehmen

29.Aug 2017
Deutsch

Bei Eltern von Neugeborenen immer wieder ein Thema: SIDS. Wie kann ich mein Kind vor dem plötzlichen Kindstod schützen? Was sind die Risikofaktoren und wie kann ich diese minimieren? Rund um das Thema SIDS wurde in den letzten Jahren intensiv geforscht. Wir haben mit Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl, dem Leiter der SIDS-Ambulanz und Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde des LKH Hochsteiermark Leoben gesprochen. 

Plötzlicher Kindstod: Interview rund ums Thema SIDS

Foto: Shutterstock

Warum herrscht rund um das Thema SIDS Ihrer Meinung nach immer viel Unwissenheit, vor allem aber Unsicherheit bei den Eltern? 

Es ist nicht die Häufigkeit des Auftretens, die den plötzlichen Kindstod so beängstigend erscheinen lässt, sondern vielmehr die Tatsache, dass Säuglinge im ersten Lebensjahr so unerwartet versterben können. Dank intensiver Forschung weiß man heute, dass der plötzliche Kindstod wahrscheinlich durch die tragische Verkettung mehrerer Faktoren auftritt, aber nicht notwendigerweise ein schicksalhaftes Ereignis ist, gegen das Eltern nichts tun können. ​

Dank der intensiven Forschung konnten SIDS Fälle im Laufe der letzten Jahre stark verringert werden. Wie ist der heutige Stand: Wie viele Fälle pro Jahr gibt es? Wie viele Kinder sterben in Österreich am plötzlichen Kindstod?

Durch die Erkenntnisse der letzten Jahre und die nachfolgende Aufklärung der Öffentlichkeit ist es gelungen, eine Reduktion der Säuglingssterblichkeit zu erreichen. Zur SIDS-Vorsorge in Österreich hat ein Gremium aus Expertinnen und Experten einen Katalog mit entsprechenden Empfehlungen zur Minimierung von Risikofaktoren erarbeitet. In Österreich ereignen sich derzeit etwa 10 bis 15 SIDS-Fälle pro Jahr, dies entspricht etwa 0,15 Promille der Neugeborenen. Gegenüber den 1980er-Jahren konnte ein Rückgang um 80 – 90% erreicht werden.

Vor ein paar Jahrzehnten wurden Babys zum Schlafen noch auf den Bauch gelegt, eingewickelt in eine warmen Bettdecke. Heute haben sich die Empfehlungen dahingehend völlig verändert. Welche generellen Vorsorgemaßnahmen sollten oder können Eltern treffen?

Gerade beim Punkt Schlafposition wurden die Empfehlungen in den letzten Jahrzehnten tatsächlich häufig geändert, überarbeitet und ergänzt. Die aktuellen SIDS Vorsorgeempfehlungen entsprechen dem neuesten Stand der Wissenschaft und lassen sich in 9 Punkten zusammenfassen. ​

Plötzlicher Kindstod: Interview rund ums Thema SIDS

Plötzlicher Kindstod: Interview rund ums Thema SIDS

Durch die strikte Einhaltung dieser Vorsorgemaßnahmen lässt sich das Risiko für den plötzlichen Kindstod auf ein Minimum reduzieren. 

Bis vor einigen Jahren herrschte der Glaube, dass der Schnuller ein Risikofaktor für SIDS sei. Inzwischen zeigen diverse Studien, dass die korrekte Verwendung des Schnullers das Risiko sogar senken kann. Können Sie uns dies erklären? 

Internationale Studien haben gezeigt, dass die Verwendung eines Schnullers unter bestimmten Bedingungen das SIDS Risiko reduziert. Im Rahmen des Expertentreffens 2006 wurde daher erstmals offiziell empfohlen, Babys im ersten Lebensjahr immer beim Einschlafen einen Schnuller zu geben.

Grundvoraussetzung für die Gabe eines Schnullers ist allerdings, dass sich das Stillen gut eingespielt hat. Dies ist in der Regel spätestens am Ende des ersten Lebensmonats der Fall, meist schon früher Wird ein Schnuller richtig verwendet und zeitgerecht abgewöhnt, so hat er wenige bis gar keine negativen Auswirkungen auf die Entwicklung eines Kindes. Natürlich ist auch die Auswahl des richtigen Schnullers von Bedeutung. Empfehlenswert sind nur hochwertige, symmetrische und kiefergerechte Schnuller, die verhindern, dass das Baby Zahnschäden oder Kieferverformungen erleidet. 

Was halten Sie von Heimmonitoren zur Überwachung des Babys beim Schlafen? 

Als generelle Präventionsmaßnahme gegen SIDS sind Heimmonitore nicht geeignet! Gerade die im Handel erhältlichen Modelle funktionieren oftmals nicht zuverlässig. Sie können Eltern falsche Sicherheit vermitteln oder aber auch durch Fehlalarme in Panik versetzen. Dies kann zu einer nachteiligen Eltern-Kind-Beziehung beitragen. Zudem sollte Heimmonitoring niemals erfolgen, wenn die Eltern nicht ausreichend über richtige Interventionsmaßnahmen (zum Beispiel Säuglingswiederbelebung) informiert sind. Grundsätzlich sollte Monitoring nur nach medizinischer Empfehlung und mit hochwertigen Geräten erfolgen. Solche Geräte überwachen meist  neben der Atmung auch den Puls und die Sauerstoffsättigung des Säuglings. Sie werden vor allem  bei Risikobabys wie beispielsweise Folgekindern nach SIDS oder auch bei Frühgeborenen eingesetzt. Zur Vermeidung von SIDS sind aber die oben genannten allgemeinen Maßnahmen effektiver als ein Heimmonitoring.

Als weiterführende Lektüre können wir die Broschüre „Nimm das Schicksal in die Hand – Vorsorgeinitiative gegen plötzlichen Kindstod“ ans Herz legen. Hier hat sich MAM mit der Initiative SIDS Austria sowie Expertinnen und Experten aus verschiedenen Feldern zusammengetan und Empfehlungen rund um die SIDS-Vorsorge formuliert. Um Wissen und Selbstvertrauen zu stärken und damit Eltern aufmerksam – aber ohne unnötige Ängste und Sorgen – die gemeinsame Zeit mit ihren  Kleinen genießen können. 

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