Richtig gewickelt? Stoff vs. Wegwerfwindel

Pro und Contra von Wickelsystemen

18.Feb 2020
Deutsch

In Zeiten zunehmenden Umweltbewusstseins drängt sich für viele Eltern natürlich eine Frage auf: Stoffwindeln oder Wegwerfwindeln? Und gibt es auch abseits des ökologischen Gedankens Argumente, die für oder gegen die verschiedenen Systeme sprechen?


Foto: Padmavathi ashok via Unsplash
 

#1 Der Kostenfaktor

Auch diese ganz trockene Faktenfrage lässt sich nicht ganz genau beantworten. Schließlich hängt sie sehr davon ab, wie viele Wegwerfwindeln man im Lauf des Kinderlebens verwendet und ob man teurere Markenprodukte oder günstige Eigenmarken kauft. Eine möglichst neutrale Herangehensweise findet sich in Form einer downloadbaren Excel-Tabelle auf dieser Seite. Der Autor kommt mit seinen Angaben auf ungefähr doppelt so hohe Kosten bei Wegwerfwindeln. Miteinbezogen werden in die Kalkulation nicht nur die Anschaffungskosten, sondern auch Ausgaben für Wasser, Strom und Müllgebühren.

Die Anschaffungskosten von Stoffwindeln können allerdings sehr schwanken, je nachdem, für welches System man sich entscheidet. Das kann anfangs durchaus eine Herausforderung sein und endet nicht selten damit, erst einmal eine Menge neue Vokabel zu lernen.

Grundsätzlich kann man 2 große Stoffwindel-Systeme unterscheiden:

  1. All-in-One-Windeln: Wie der Name schon sagt, sind sie „alles in einem“ und den Wegwerfwindeln am ähnlichsten. Ist die Windel nass, wird sie komplett gewechselt. Das ist bequem, bedeutet aber auch, dass man viele Windeln braucht.
     
  2. 2-Höschen-Windeln: Eine saugende Windelhose wird mit einer wasserdichten Überhose kombiniert. Die Überhose kann, sofern sie nicht verschmutzt ist, weiterverwendet werden. Bei dieser Variante gibt es wiederum „Unterkategorien“, die sich im verwendeten Material für die Innenwindel oder der Anwendung unterscheiden (Pocketwindeln, klassische Mullwindeln, Prefolds etc.)

In Österreich gibt es in vielen Gemeinden den sogenannten „Windelgutschein“ der die Anschaffung von „Stoffies“ finanziell fördert. Die Höhe ist je nach Gemeinde unterschiedlich. Stoffwindelhändler haben dazu aktuelle und detaillierte Informationen.

Geld sparen kann man auch, indem man sich von Stoffwindelläden bzw. Online Shops beraten lässt. Die meisten bieten die Möglichkeit an, Testpakete zu mieten, um verschiedene Systeme direkt im Praxistest kennenzulernen. Bei Stoffwindeln spielt die Anatomie des Kindes eine größere Rolle als bei Einwegwindeln - pauschale Aussagen, welche Marke bzw. welche Art des Wickelns am besten ist, lassen sich also schwer treffen. Hier gilt definitiv: probieren geht über studieren!

Ein riesiger (Kosten-)Vorteil von Stoffwindeln ist, dass man sie auch günstig gebraucht kaufen bzw. weitergeben kann.
 

#2 Der Umweltfaktor

Stoffwindeln vermeiden Müll. Die meisten Quellen gehen von einem durchschnittlichen Müllberg von 4.000-6.000 Wegwerfwindeln pro Kind aus – umgerechnet 1 Tonne Müll* wird also mit Stoffwindeln pro Kind (!) gespart. Auf der anderen Seite brauchen Stoffwindeln aber Wasser und Strom für die Wäsche. Wird noch dazu ein Trockner verwendet, kippt die positive Ökobilanz der Stoffwindel schnell. Laut einer britischen Studie** aus dem Jahr 2008 liegt die CO2-Bilanz von Stoffwindeln und Wegwerfwindeln ungefähr gleich auf – dazu muss man allerdings die Details genauer ansehen und erkennt dabei schnell, dass diese Aussage nicht als absolute Wahrheit genommen werden kann. Stoffwindelverwender haben es ganz stark selbst in der Hand, wie umweltfreundlich oder -schädlich das System ist, während man bei Wegwerfwindeln keine Möglichkeit hat, es „besser“ zu machen – hier werden rund 550 kg CO2 verursacht. Bei Stoffwindeln gilt für eine bessere CO2-Bilanz: nicht zu viele Windeln kaufen, im Idealfall Second Hand oder für mehrere Kinder verwenden, mit einer modernen, stromsparenden Waschmaschine waschen, Lufttrocknen statt in den Trockner geben.
 

#3 Der Bequemlichkeitsfaktor

Hier haben Wegwerfwindeln vor allem unterwegs einen klaren Vorteil. Die neuen Materialien machen moderne Wegwerfwindeln unglaublich dünn und trotzdem enorm saugstark. Selbst mehrere Stück brauchen in der Wickeltasche nicht sonderlich viel Platz. Der Baby-Po bleibt schön trocken und wenn die Windel voll ist, wird sie einfach weggeworfen und getauscht. Bei Stoffwindeln erfordert das Wickeln je nach Methode anfangs mitunter etwas Übung. Unterwegs muss eine Möglichkeit gefunden werden, die volle Windel wasserdicht zu transportieren. Abgesehen von dieser überschaubaren Herausforderung lohnt sich aber ein genauerer Blick auf die neue Stoffwindel-Generation, die im Handling mittlerweile fast so bequem sind wie ihre Einweg-Kollegen. Was die Bequemlichkeit angeht können Stoffwindeln vor allem langfristig punkten: Mit Stoff gewickelte Kinder spüren die Feuchtigkeit und damit ihre Ausscheidungen besser. Sie lernen dadurch auch oft früher, trocken zu werden – und müssen dann gar nicht mehr gewickelt werden. Stoffwindeleltern sind zudem Profis im Transport von nassen Sachen – das heißt die Phase des Trockenwerdens mit jeder Menge Reservekleidung im Gepäck ist für die meisten gar kein zusätzlicher Aufwand mehr. 100% auslaufsicher ist übrigens kein System. Sowohl Wegwerfwindeln als auch Stoffwindeln können auf Grund der Anatomie des Kindes, der falschen Wahl bei der Windelgröße oder -Art oder schlichten Anwendungsfehlern auslaufen. Manchen Eltern fällt das „dichte“ Wickeln mit Wegwerfwindeln leichter, andere haben mit „Stoffies“ hervorragende Erfahrungen. Bei Stoffwindeln muss dafür bei der Anschaffung etwas mehr Augenmerk auf die Auswahl von System und Marke gelegt werden - nicht alles passt jedem Kind.

 

#4 Der "Ekelfaktor"

Eltern sollten idealer Weise keine Scheu vor den Ausscheidungen ihrer Kinder haben bzw. legen die meisten diese sehr schnell ab – es bleibt einem schließlich auch nichts Anderes übrig. Bei Stillstuhl ist es völlig egal, ob Wegwerf- oder Stoffwindel: beide landen vorzugsweise in einer (luftdichten) Tonne. Wegwerfwindeln gehen dann (oder sofort) den Weg weiter in den Müll, Stoffwindeln werden höchstens kurz abgespült, aber grundsätzlich samt Inhalt in die Waschmaschine geworfen. Der Stillstuhl wäscht sich nämlich ganz einfach aus. Durch einen Vorspül-Durchgang in der Maschine können die gröbsten Verschmutzungen und Urin entfernt werden, bevor der eigentliche Waschgang startet. Fertig. Sobald Kinder Beikost essen und damit festeren Stuhl haben, werden Stoffwindeln mit einer Lage Windelvlies („Papier“) ausgelegt. Stuhl wird mitsamt Papier aus der Windel genommen und entsorgt. Nur die Stoffwindel mit Urin landet in der Waschmaschine. Das Säubern eines Baby-Pos in einer Wegwerfwindel mit Stuhl ist ähnlich: Die Stuhlreste werden mit (Feucht-)Tüchern entfernt und entsorgt. Nur landet eben die Windel danach ebenfalls im Müll.

Wie bei vielen Babythemen gibt es auch bei der Diskussion rund um Soffwindel vs. Wegwerfwindel viele Meinungen und nicht die eine richtige. Schließlich sind die Lebensumstände und Vorlieben von Eltern und ihren Babys ganz unterschiedlich. Man muss das Thema aber auch nicht allzu dogmatisch behandeln und eine Art Glaubenskrieg der beiden Systeme heraufbeschwören – viele Eltern wechseln ganz unaufgeregt und pragmatisch zwischen Stoff- und Wegwerfwindeln und holen sich so das Beste aus beiden Welten

 

Übersicht Vor- und Nachteile von Stoff- und Wegwerfwindeln:

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Quellen:
https://www.windelmanufaktur.com/de/stoffwindeln/kostenvergleich-stoffwindeln-wegwerfwindeln
'* https://www.sueddeutsche.de/leben/nachhaltigkeit-stoffwindeln-oder-wegwerfwindeln-was-ist-oekologischer-1.3043389
** http://sciencesearch.defra.gov.uk/Default.aspx?Menu=Menu&Module=More&Location=None&Completed=0&ProjectID=15222

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