Schamgefühl? Habe ich keines mehr!

Blog Gastartikel: Einer schreit immer

08.Mai 2018
Deutsch

Gastbloggerin Christina vom Blog Einer schreit immer über ihren absoluten Verlust von Schamgefühl. Ausgelöst von diversen Erfahrungen in der Schwangerschaft und danach mit ihren Zwillingsbabys.

Schamgefühl? Habe ich keines mehr!

Mir ist nichts mehr peinlich. In meiner Schwangerschaft haben mich nämlich ungefähr 20 Menschen in unglaublich unerotischen Positionen nackt gesehen. Rechnen wir dann noch Geburt und Nachsorge dazu, so kommen wir auf einen grob geschätzten Personenkreis von etwa 30 Personen, die meine primären Geschlechtsmerkmale aus nächster Nähe kennen. Das ist bei weiten mehr als in meinen verwegensten Singlezeiten. 

Seither ist mir einfach nichts mehr unangenehm. Vor Fremden in Schüsseln urinieren? Na klar! In Mütterrunden offen über Schleimpfropfen sprechen? Logisch! Eine Freundin sagte kürzlich: „Ich habe da was Komisches am Hintern.“ Und ich antwortete nur knapp: „Ach was, zeig her!“ 

Natürlich hat sich auch das Stillen auf mein nicht mehr vorhandenes Schamgefühl ausgewirkt. Denn wer Zwillingen die Brust gibt, zeigt natürlich doppelt so vielen Menschen den blanken Busen als jede andere Mutter. Und weil es eben Zwillinge sind, schaut auch jeder ganz genau hin. Auch wenn ich mich stets um Privatsphäre bemüht habe, haben bestimmt weitere 50 Personen zumindest Teile meiner Nippel gesehen. Grob gerundet, kommen wir also sogar auf etwa 100 Menschen, die sehr private Teile meines Körpers kennen. Das sind also neun Fußballmannschaften mit einem Schiedsrichter.

Ganz ehrlich? Manchmal hatte ich das Gefühl, dass meine Brüste schon Stadtgespräch sind... 

Aber wisst ihr was? Ich brauche es gar nicht mehr, mein Schamgefühl. Denn ohne es lebt es sich viel besser! Meine Busenblitzer und Nippelgates haben mir gezeigt, dass ich, frei von jeder Scham, das tun kann, was ich will. Ich bohre also bei Rot an der Ampel völlig schamlos in der Nase und nahtlose Bräune bekomme ich nicht im Solarium, sondern bei uns auf der Terrasse. Dort sonne ich mich neuerdings nämlich oben ohne. Und wisst ihr was? Wenn es mich wo juckt, dann kratze ich mich. Schamlos! Und das ist absolut erleichternd. 

Auch die Kinder können mich nicht mehr blamieren: Pah! Gaffer sind mir völlig egal, ich lächle sie charmant weg. So etwa neulich, als die Kinder im Passamt kotzten. Halbverdauten Grießbrei wische ich problemlos weg. Und wenn kein Wickeltisch in der Nähe ist, dann wickle ich die Kinder ganz einfach auf einer Parkbank oder im Kofferraum vom Auto. Wer dumm schaut, sieht nur meine kalte Schulter! Ja. Selbst Brüllkonzerte im Supermarkt stecke ich weg wie Lobbyisten ihre Bestechungsgelder. 

Aber neulich. Da musste ich mich ein wenig genieren. Das lag allerdings am besten Ehemann von allen. Der wollte nämlich zur monatlichen Herrenrunde. Und wie er da so, mit einem braunen Pulli und einer karierten Hose das Haus verlassen wollte, war mir das fast ein wenig peinlich. Aber innerlich dachte ich dann: „Ach was! Er wird keinen Trotzanfall beim Zahlen bekommen. Und ins Gasthaus wird er vermutlich auch nicht kotzen...“ 

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