Schwangerschaftsdemenz und Co - Wer bin ich und wenn ja, wie viele?!

Blog Gastartikel: Einer schreit immer

27.Nov 2018
Deutsch

Postnatale Vergesslichkeit: Bloggerin Christina vom Blog Einer schreit immer erzählt dir über ihre Erfahrungen mit Schwangerschaftsdemenz, Stillnebel und Co.

Schwangerschaftsdemenz und Co - Wer bin ich und wenn ja, wie viele?!

Ich muss dir was ganz Wichtiges erzählen! Aber was war das nochmal? Hab ich vergessen, es fällt mir aber bestimmt wieder ein. Oder auch nicht.

Seitdem ich Mutter bin hat sich mein Gehirn irgendwie verändert. Wo ich früher noch völlig strukturiert kilometerlange To-Do-Listen im Kopf gespeichert und akkurat abgearbeitet habe, befindet sich jetzt nur noch eine Playlist mit den musikalischen Intros der Lieblingsserien meiner Kinder. Ich würde nicht behaupten, dass ich ALLES vergesse, aber mein Gehirn scheint im Kreißsaal eine Art Firewall installiert bekommen zu haben, die besonders essentielle Bestandteile meines früheren Daseins rigoros abblockt.

Vor einigen Wochen bekam ich eine E-Mail mit den Worten „Vielen Dank für die Anmeldung zu unserem Workshop, wir freuen uns Sie begrüßen zu dürfen!“. Ja wow, ein Workshop! Für mich? Nach einigem Blättern und Scrollen fand ich raus, dass ich mich zwar nicht im Geringsten daran erinnern konnte mich überhaupt angemeldet zu haben, die Veranstaltung aber durchaus interessant zu sein schien. Eine kurze Panik wallte in mir auf, als ich dachte ich könnte vielleicht als Speakerin gebucht worden sein, aber eine kurze Recherche beruhigte mich, dass ich nur Teilnehmerin sein sollte und so musste ich mir jetzt nicht noch zwischen Bügelwäsche und Brotdose einen Vortrag aus den hinteren Windungen meines ohnehin schon überbeanspruchten Hirnes quetschen. Irgendwie ging die Schwangerschaftsdemenz nahtlos in den Stillnebel über, wie sich meine aktuelle Phase wohl bezeichnen lässt. Das habe ich irgendwo gelesen, weiß aber nicht mehr wo.

Ob es die Müdigkeit ist, die mich auf die Frage „Wie geht es dir?“ spontan mit „Danke, mit Milch und Zucker“ antworten lässt, oder ob ich beim Wehen veratmen im Vorbereitungskurs aus Versehen einige Synapsen ausgepustet habe – ich weiß es nicht. Und wüsste ich es, würde ich es bis morgen eh wieder vergessen.  Die Prioritäten eines Muttergehirns scheinen sich im Laufe einer Schwangerschaft langsam aber sicher von „Arbeitsmodus“ auf „Aram Sam Sam“ umzustellen und lassen mein Gedächtnis aussehen wie einen Schweizer Käse nach einem Angriff mit einem Schrotgewehr. Zwar weiß ich nicht mehr, wie die Person heißt, die mich da gerade auf der Straße gegrüßt hat, dafür kann ich im Halbschlaf die Vesperdosen meiner Kinder mit niedlichen Brottieren und Obstschnitzereien bestücken und weiß auch sofort nach dem Aufwachen welchen Becher ich besser nicht auf den Frühstückstisch bringe, um mir und den Kindern Wutanfälle jeglicher Art zu ersparen.

Wichtige Dinge notiere ich auf Post-its und hoffe inständig mir merken zu können WO ich diese genau hin geklebt habe und besonders wichtige Korrespondenz erledige ich nur noch per Mail, da mich mein Postarchiv im Notfall vor bösen Überraschungen und Kaffeeverabredungen im Schlafanzug retten kann. Dinge, die ich dann doch vergessen habe mache ich durch Improvisation und Spontanität wieder gut – frei nach Jesper Juls Motto „Gut genug ist das neue Perfekt!“.

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