Step by step: Die ersten Entwicklungsschritte

Was in den ersten 6 Monaten passiert.

17.Jan 2020
Deutsch

Für Eltern ist es besonders aufregend zu beobachten, wie das eigene Kind sich verändert und welche Fähigkeiten im Lauf der Zeit dazukommen. Ein neugeborenes Baby scheint schließlich erst einmal völlig hilflos. Neben einigen lebensnotwendigen und evolutionsbedingt übrig gebliebenen Reflexen ist es aber mit einer besonderen Wunderwaffe ausgestattet: einem Gehirn, das unheimlich schnell lernt. Mit welchen beeindruckenden Fortschritten man als Elternteil im ersten halben Jahr zu rechnen hat, schauen wir uns einmal genauer an!


Foto: Jonathan Borba on Unsplash

Angeborene Reflexe

In Bauchlage werden Arme und Beine gebeugt, die Knie hoch zum Bauchnabel gezogen und meist unter den Po geschoben – man spricht von der sogenannten Beugehaltung. Sie ist auch der klassischen Haltung in einem Tragetuch ähnlich. Durch die breite Beinhaltung, d.h. eine Außenrotation der Oberschenkel, ist sie sehr vorteilhaft für die Entwicklung der Hüfte, die noch nicht vollständig ausgereift ist. Schon bei der Geburt können Neugeborene ein wenig vorwärts kriechen und versuchen so, zur Brust zu gelangen. Hilft man ein bisschen nach, können sie auch an der Brust saugen. Das Nuckeln haben sie schließlich schon im Bauch an den Fingern geübt!

Der Schluck- und Saugreflex, sowie der Hustenreflex sorgen für lebensnotwendige körperliche Reaktionen. Diese sind teilweise auch sehr komplexe, zusammenhängende Abfolgen von Bewegungen wie z.B. beim Moro- oder Klammerreflex. Dieser ist für Evolutionsbiologen ein Hinweis darauf, dass der Mensch ein Tragling war: lässt man den Kopf des Kindes fallen, reißt es automatisch kurz die Arme auseinander, um sich dann wieder festzuklammern. Der Moro-Reflex ermöglicht auch den ersten Atemzug und ist generell ein Versuch, die Schwerkraft ohne ausreichende Muskelkraft in Notsituationen zu bewältigen. Er verschwindet um das 6. Monat vollständig. Der Greifreflex dürfte ebenfalls für unsere Vorfahren lebenswichtig gewesen sein – heute ist er in abgeschwächter Form ebenfalls vorhanden. Viel wichtiger ist aber ein anderer Automatismus: Der Kopf wird in Bauchlage sofort auf die Seite gedreht, um atmen zu können.
 

Das Sehen

Die Augen sind vollständig entwickelt – die zur Verarbeitung der Eindrücke nötigen Bereiche im Gehirn sind allerdings noch nicht so weit, weswegen Neugeborene noch nicht gut sehen können. Das Bild ist nur sehr unscharf, aber Gesichter können trotzdem erkannt und Bewegungen wahrgenommen werden. Für ein Mobile ist es allerdings eigentlich noch zu früh. Wichtiger ist jetzt erst einmal das genauere Kennenlernen des Gesichts der Mutter, das im Abstand von ca. 20 cm mit den Augen verfolgt werden kann.

Mit 3-5 Monaten können Kinder Gesichtsausdrücke erkennen und Freude, Traurigkeit oder Überraschung wahrnehmen. Das räumliche Sehen funktioniert mittlerweile ebenso gut wie das scharfe Sehen in der Ferne. Mit ca. einem halben Jahr werden Gesichter von allen Seiten erkannt – die Voraussetzung für die Scheu vor Fremden ist also voll entwickelt.

 

Das Hören

Neugeborene hören schon ähnlich wie die Erwachsenen, nur etwas gedämpfter. Die Stimmen der Eltern und Geschwister sind schon aus der Schwangerschaft bekannt.

Mit ca. 2 Monaten beginnt das Kind damit, sich zu interessanten Geräuschquellen zu drehen.

Da der Gehörsinn für die Sprachentwicklung entscheidend ist, wird er schon bei Babys ärztlich kontrolliert.

 

Das Riechen

Der Geruchssinn ist von Anfang an sehr gut ausgeprägt. So kann z.B. der Körpergeruch der Mutter von anderen unterschieden werden. Die Nase ist noch ganz „unverdorben“ – wenn dein Baby auf Parfums empfindlich reagiert, verzichte anfangs lieber noch darauf.  

 

Motorische Entwicklung

Im Lauf der ersten 6 Monate entwickelt sich das Kind von der Beuge- in die Streckhaltung. Mit 3 Monaten hält der Säugling die Hände noch leicht gebeugt vor dem Gesicht - perfekt, um alles genau zu erkunden und in den Mund zu nehmen. Während die Kopf- und Nackenmuskulatur anfangs noch zu schwach ist, um gegen die Schwerkraft zu bestehen, kann mit ca. 3 Monaten der Kopf schon gehalten werden. Das gelingt auch, wenn das Kind zum Sitzen hochgezogen wird. Mit 6 Monaten kann der Kopf in Rückenlage schon vollständig angehoben und die Beine so weit gebeugt werden, dass die Füße genauestens untersucht werden können. In aufrechter Haltung bleibt der Kopf übrigens bereits nach wenigen Wochen gut in Position.

Stehen ist anfangs nur als Reflex möglich: der Säugling streckt seine Beine fest durch und scheint zu stehen. Das gelingt aber nicht lange. Mit ungefähr 6 Monaten beginnt die Entwicklung hin zum selbstständigen Stehen und das Gewicht wird selbst getragen, wenn man das Kind hinstellt.

Strampeln gehört anfangs zum Repertoire aus dem Bauch und nimmt immer mehr ab – stattdessen werden Arme und Beine später absichtlich bewegt. Wie viel ein Kind strampelt, ist mehr eine Frage des Temperaments als ein Hinweis auf eine spezielle Entwicklung.

Ab dem 5. Monat kann es jederzeit so weit sein: das Baby dreht sich selbstständig in Bauchlage. Darum ist es besonders wichtig, das Kind niemals alleine auf einem Wickeltisch liegen zu lassen!

Auch die Feinmotorik muss sich erst entwickeln. Anfangs sind die Hände noch zu Fäusten geballt. Das Kind kann noch keine Gegenstände halten. Nur der Greifreflex führt zum Umklammern von z.B. Fingern. Zuerst wird mit beiden Händen mit der ganzen Hand gegriffen. Erst später kommen der sogenannte Scherengriff und dann der Pinzettengriff. Dinge werden anfangs eher mit dem Mund erkundet als mit den Fingern.

 

Psychische Entwicklung

Mit zirka 6-8 Wochen zeigen Babys das erste echte Lächeln. Ein toller Meilenstein – besonders für die Eltern!

 

Erste „Entwicklungshilfe“

Abwechselndes Liegen auf dem Bauch, auf dem Rücken oder in einer körpergerechten Babywippe unterstützen die Entwicklungen verschiedener Muskeln bzw. das unterschiedliche Spielen mit Händen und Füßen. Abgesehen davon ist noch nicht viel nötig, außer liebevolle Beschäftigung beim Baden, Wickeln und jede Menge Körperkontakt. Die Bewegungen beim Tragen in einer Tragehilfe oder einem Tragetuch fördern verschiedene Sinneswahrnehmungen, erste Erfahrungen mit der Bewegung im Raum und natürlich die Bindung zu den Eltern. Spielzeug ist vor allem anfangs noch nicht nötig. Gesichter, Hände und Füße reichen völlig zur Beschäftigung!

 

Entwicklung – kein Wettbewerb

Eltern sind natürlich stolz auf die Entwicklungsschritte ihres Nachwuchses. In Gesprächen verwandelt sich der Stolz aber ganz gern in eine Art Wettbewerb, wer „besser“ ist. Solltest du davon betroffen sein, kannst du dir eine Menge Stress und Sorgen deswegen sparen: Entwicklungsschritte sind individuell verschieden und kein Hinweis darauf, was ein Kind später kann oder nicht kann. Manche Kinder brauchen für gewisse Schritte länger, überspringen dafür andere oder haben ihre eigene „Reihenfolge“ (sie stehen z.B. zuerst bevor sie noch ordentlich sitzen). Lass dich davon nicht verrückt machen. Auch Tabellen mit Angaben, wann ein Kind was können sollte, sind als grobe Orientierung gedacht und nicht als Pflichtprogramm.

Genießt die faszinierende Vielfalt der persönlichen Meilensteine – jedes Kind ist einzigartig!

Solltest du tatsächlich wegen einer Entwicklungsverzögerung unsicher sein, sprich in einer Kinderordination über deine Fragen.

 

Buchtipps und Quellen:

Das Baby-Entwicklungsbuch, Dr. Med. Thomas Baumann

Babyjahre, Remo H. Largo

 

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Weitere Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Moro-Reflex

https://www.kinderaerzte-im-netz.de/mediathek/entwicklungskalender/

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