Streiten vor den Kids? Unbedingt!

Blog Gastartikel Familianistas

26.Okt 2016
Deutsch

Unsere Gastautoren vom schweizer Familienblog Familianistas erzählung uns in ihrer heutigen Kolumne, warum Eltern unbedingt vor den Kindern streiten sollen.

Streiten vor den Kids? Unbedingt!

Foto: Shutterstock

Wenn früher, als ich noch klein war, Freundinnen bei mir zu Hause anriefen, fragten sie nicht selten: „Es ist so laut bei euch, habt ihr Besuch?“ – „Nein“, antwortete ich jeweils erstaunt, „das sind nur meine Eltern.“ Ich bin in einem Haus aufgewachsen – und dabei sind wir nicht mal Italiener – in dem alles lautstark und mit viel Leidenschaft diskutiert wurde. Streitkultur in Reinform sozusagen.

Dabei schieden sich in meinem Elternhaus die Gemüter ebenso intensiv daran, ob man nun Honig zur Salatsauce beimengen soll, ob der Rasen samstags gemäht werden darf, der neu gewählte Bundesrat ein fähiger Politiker sei oder die Anschaffung eines neuen Sofas notwendig. Meine Eltern waren selten einer Meinung. Allerdings einigten sie sich nach klirrenden Wortgefechten immer. In eine bedrohliche Schieflage geriet der Haussegen nur dann, wenn am Tisch geschwiegen wurde. Denn in der  Stille lag der wahre Sprengstoff. So lange sich das Stimmgewirr mischte – zuweilen in Crescendo – war alles in bester Ordnung. So bin ich aufgewachsen.

Deshalb halte ich auch heute noch nichts davon, Streitigkeiten auf den Abend zu verlegen, wenn die Kinder im Bett sind. So wie es der eine oder andere Erziehungsratgeber gerne postuliert. Denn seit wann besteht die Welt nur aus Friede, Freude, Eierkuchen? Das Leben, ein Ponyhof? Hey, bitte, Kinder sind doch nicht blöd! Auch die Kleinsten riechen es sofort, wenn sich ein Gewitter zusammenbraut. Natürlich könnte man auf den Abend warten, vielleicht ziehen die Wolken sogar wieder vorbei. Möglicherweise saugen sie sich aber derart voll, dass auf das „Schlaf-Kindlein-schlaf“ ein regelrechter Sturmorkan folgt. Ob das dann die bessere Variante ist? I don`t know...

Außerdem lernen Kinder am besten aus Vorgelebtem. Es liegt also an uns Eltern in Sachen Streitkultur und Debattieren als gutes Beispiel voran zu gehen. Ausgenommen natürlich man wünscht sich, dass der Nachwuchs als Fähnchen im Wind durchs Leben geht. Wer aber immerwährende Harmonie sucht, wird bereits im Sandkasten enttäuscht. Spätestens, dann nämlich wenn der Max vom vierten Stock nach der geliebten Schaufel greift. Die Kleinsten kämpfen ja bekanntlich mit den härtesten Bandagen.

Übrigens sind meine Eltern, also die Großeltern meiner Kids, das beste Beispiel dafür, dass sich Streitereien und innige Liebe nicht ausschließen – Oma und Opa sind nämlich noch heute verliebt wie am ersten Tag. Oder zumindest am dritten. Obwohl gerade mal wieder Uneinigkeit herrscht – in der Sofafrage. 

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