Vaginal Seeding – Hype oder echte Hilfe?

15.März 2020
Deutsch

Der neueste Trend in der Geburtshilfe heißt „Vaginal Seeding“ und bedeutet: neugeborene Babys, die per Kaiserschnitt auf die Welt kamen, erhalten Keime aus der Vagina der Mutter mittels Tupfer. Sie werden also mit Scheidenbakterien eingerieben. Ist das gesund oder ein Gesundheitsrisiko?


Foto: Shutterstock
 

1. Die Faktenlage hinter dem Trend

Zum einen kommt rund ein Drittel der Babys per Kaiserschnitt auf die Welt. Wirklich nötig wäre das laut WHO nicht, aber die Angst vor Schadenersatzansprüchen auf der einen Seite und Gesundheitsgefahren auf der anderen Seite sind wohl ein Motor hinter dieser Entwicklung. Zum anderen weiß man, dass Kaiserschnittbabys eine andere Darmflora aufweisen als natürlich geborene Kinder und eher an Problemen des Verdauungsapparates, Asthma, Diabetes, Allergien sowie chronischen Immunerkrankungen* leiden. Vaginal Seeding ist demnach der Versuch, die Vorteile einer vaginalen Geburt für das Immunsystem sowie die Darmflora auch Kaiserschnittkindern zu Gute kommen zu lassen. Man vermutet nämlich, dass spontan geborene Babys auf dem Weg durch den Geburtskanal wichtige Milchsäurebakterien aus der Vagina aufnehmen.

 

2. So funktioniert Vaginal Seeding

Eine in Kochsalzlösung getränkte Mullbinde wird der Frau kurz vor der Geburt in die Scheide eingeführt. Danach wird sie wieder entnommen und das Kind mit der nun mit den Vaginalkeimen besiedelten Mullbinde auf Mund, Nase und Haut eingerieben bzw. beträufelt.

 

3. Kritik an Vaginal Seeding

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) empfiehlt das Vaginal Seeding nicht, da die Studienlage noch nicht ausreichend sei. Ergebnisse werden erst in einigen Jahren erwartet. 2016 gesammelte Proben von Forschern von einigen wenigen Babys deuten aber zumindest auf mögliche Erfolge hin. So konnten bei Neugeborenen, die mittels Vaginal Seeding „behandelt“ wurden, auch noch 1 Monat nach dem Prozedere die Vaginalkeime nachgewiesen werden.

Ein Kritikpunkt der DGGG ist aber, dass nicht klar ist, in welcher Menge die Keime übertragen werden müssen, um tatsächlich eine nachhaltig gesundheitsfördernde Wirkung zu haben. Andere Forscher geben zu bedenken, dass es auch über eventuelle Gesundheitsrisiken (z.B. durch Hepatitis, Chlamydien oder Streptokokken) keine Daten gibt.

Dies könne nur durch Langzeitstudien geklärt werden – und diese haben erst begonnen.

Auch das renommierte „American College of Obstetricians and Gynecologists” – die größte amerikanische Fachgesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe – vertritt die Meinung, dass Vaginal Seeding momentan ausschließlich im Rahmen von klinischen Studien durchgeführt werden sollte. Eine breite Anwendung sei erst empfehlenswert, wenn ausreichend Daten zu Sicherheit und Wirkung vorhanden seien.

Nichtsdestotrotz finden sich auch jetzt schon der Methode gegenüber aufgeschlossene Ärzte, Ärztinnen und Hebammen – solltest du trotz aller Bedenken aus der Fachwelt Interesse haben, höre dich am besten um oder erkundige dich bei einem Hebammenverband in deiner Nähe nach Möglichkeiten.

 

 

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Quellen:
*https://pediatrics.aappublications.org/content/early/2014/11/25/peds.2014-0596?sso=1&sso_redirect_count=1&nfstatus=401&nftoken=00000000-0000-0000-0000-000000000000&nfstatusdescription=ERROR%3a+No+local+token
https://en.wikipedia.org/wiki/Vaginal_seeding
https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2018/07/18/gesuendere-kaiserschnitt-babys-dank-vaginalsekret
https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2018-12/kaiserschnitt-geburt-vaginalsekret-gesundheit-immunsystem-babys-krankheitserreger
https://www.nature.com/articles/nm.4039.epdf?referrer_access_token=WlOGMQPhLnZ1ghtEKYOlINRgN0jAjWel9jnR3ZoTv0N52P-sU0SaylioNKJaxyGde3pO_yeLE-sCcES95TwBEPnJ4-Ds-xyvMWvHHNk0ZtZBM8j1innJYhuIxUlaXc-OAiPWAtU7qAryd5td7ER_6anFamRsTZlB6R6ttdo2WHy67RJoAIjmM0DkwR2tuAwVRA-TYc_qzptsSLy65Ydn-Kr2AXLJSvMWB3h-pxJVwyGid5IJhP1n7e-fbWYSyvN2SisnKfbAq9qWExz1dubelHms_XrBuEa4MxtckuZolUJZNx0p1zvBV-9V79C6g3dL&tracking_referrer=www.spiegel.de
https://www.acog.org/-/media/Committee-Opinions/Committee-on-Obstetric-Practice/co725.pdf?dmc=1&ts=20171128T0834096616
https://de.wikipedia.org/wiki/American_Congress_of_Obstetricians_and_Gynecologists

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