Von La-Le-Lu und anderen Ritualen

Blog Gastartikel: Familianistas

26.März 2019
Deutsch

Gastbloggerin Andrea von den Familianistas konnte nie besonders gut singen – hat es aber dank den Gutenacht-Liedern für ihre Kinder dennoch liebgewonnen.

Von La-Le-Lu und anderen Ritualen

Foto: Shutterstock

Vorsingen in der Schule, das war stets der Horror für mich. Erstens mochte ich meine Stimme nicht und zweitens hatte ich sie nicht unter Kontrolle, weil ich zu aufgeregt war, vor meiner Klasse stehend, singend, schwitzend. Aber ich hatte ja sowieso nie vor, eine zweite Maria Callas zu werden, von daher war das ganz okay. Und irgendwann musste man in der Schule dann auch nicht mehr singen.

Natürlich habe ich damals, als Teenie, nicht eine Sekunde daran gedacht, dass ich zu einem späteren Zeitpunkt in meinem Leben ein Déjà-vu erleben werde, was das Singen anbelangt: Nämlich, als ich meinen winzigen Sohn, den ich grad geboren hatte,  in den Armen hielt und es Zeit wurde, ihn zum Schlafen zu legen. Automatisch fing ich an, eine Melodie zu summen, irgendwann kamen Wörter dazu. Neben dem Wiegen ist das Singen das ursprünglichste Mittel, das man als Mutter oder Vater einsetzt, um seine Kinder zu beruhigen.

Ich weiß auch noch ganz genau, dass mir meine Stimme sehr brüchig und zittrig über die Lippen kam, als ich meinem Winzling das erste „Guten Abend, gute Nacht“ vorgesungen habe. Ich hatte eine Art Flashback in meine Singstunde und dachte wohl, dass wieder die ganze Klasse zuhören würde. Aber nur kurz, denn dann merkte ich, dass mein Baby in meinen Armen plötzlich ganz ruhig wurde, sich entspannte und mich vermeintlich andächtig anblinzelte. Und so wurde meine Stimme mit jedem Lied, egal ob gesummt oder gesungen, immer stärker und bestimmter. Für mein Kind.
 

Der Mond geht in Endlosschlaufe auf

Mit der Zeit legte ich mir ein kleines, aber feines Sortiment an Schlafliedern zu. Solche, die ich selber noch aus Kindertagen kannte, gemischt mit neuen. Bei manchen musste ich die Strophen-Texte googlen, bei andern füllte ich die Melodie einfach mit eigenen Wörtern. Die Lieder singe ich heute auch meinem Zweitgeborenen vor. Es ist unser fixes Einschlafritual, dass auf das Geschichte-Erzählen und das Lichtlöschen folgt.

Dann liege ich bei meinem Kleinen unter der warmen Decke, und er darf sich ein Lied wünschen. Momentan ist es in neun von zehn Fällen „Der Mond ist aufgegangen“- gerne auf Repeat. Das finde ich gut, dass Kinder null Probleme mit Wiederholungen haben. Und auch nicht damit, die Mama zu korrigieren, wenn sie mal eine Textstelle falsch singt. Daraus entstanden ist übrigens ein Spiel, bei dem ich absichtlich immer ganz unpassende Wörter in ein ihm bekanntes Lied einbaue. Da kann sich der Kleine jeweils nicht mehr halten vor Lachen. Und ist so danach derart gespeedet, dass ich ihm mindestens drei Mal hintereinander „La-Le-Lu“ singen muss, damit er wieder schön schläfrig wird.
 

Unser Lieblings-Ritual

Und so kam es, dass ich durch meine Kinder die Freude am Singen entdeckt habe. Ich glaube zwar nicht, dass sich meine Stimme verbessert hat, aber es ist mein Publikum, das mich dies vergessen lässt. Klar, es ist ein dankbares. Und es verteilt zum Glück auch keine Noten. Schließlich geht es bei unserem Lieblings-Ritual weder um korrekte Tonlagen, noch um tiefgründigen und auswendig gelernten Liedinhalt, geschweige denn um Vielfältigkeit – sondern viel mehr um diesen kostbaren Moment vor dem Einschlafen. Um die Nähe, die Geborgenheit dieses Rituals, das ich schmerzlich vermissen werde, wenn mein Kleiner eines Tages vielleicht findet: „Ach Mama, lass stecken mit dem Lied, ich hör lieber noch ein bisschen Drei Fragezeichen“.

Ich weiß, der Moment wird kommen. Ich habe ihn bereits einmal erlebt. Aber das versöhnliche daran ist, dass ein neues Ritual folgen wird. Mein Erstgeborener mag z.B. Fußmassagen vor dem Einschlafen. 

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