Wie sich der Nestbautrieb von hinten anschlich

Blog Gastartikel: Juli von Doppelkinder

23.Dez 2019
Deutsch

Erst hat sie ihn selbst nicht erkannt, dann hat sie ihn geleugnet und schließlich doch hingenommen: den Nestbautrieb. Juli vom Blog Doppelkinder hat sich zunächst nicht großartig über ihre Entrümpelungs- und Umgestaltungsmaßnahmen in den eigenen vier Wänden gewundert. Bis die Aktionen dann derartig absurd wurden, dass selbst die Zwillingsmama nicht mehr leugnen konnte, was ihr Umfeld ohnehin längst wusste: Die Hormone müssen ihre Finger im Spiel haben.

Mama mit Neugeborenen

Foto: Doppelkinder

Offensichtliche Jagt auf Babyartikel

Der Nestbautrieb hat sowohl in dieser als auch in meiner Zwillingsschwangerschaft recht lange auf sich warten lassen. Während ich bei den Zwillingen irgendwann ganz offensichtlich insbesondere Jagt auf Babyartikel, Kinderzimmereinrichtung und Teile für die Erstlingsausstattunggemacht habe, hat sich das Einnisten dieses Mal irgendwie in Tarnung angeschlichen. Gewissermaßen geduckt und von hinten.

Mich überfiel wie aus dem Nichts heraus ein schier unersättlicher Ausmist-Wahn. Ich startete in meinem Büro, darauf folgten der Dachboden, die Kleiderschränke und letztendlich die Schubladen – ich habe durchforstet, begutachtet, aufgeräumt, ganz der neumodernen Empfehlung nach in mich hineingehorcht und mein Herz befragt und dann rigoros entsorgt. Es war beinahe so, als könnte ich Kramecken im Haus spüren. Jede achtlos befüllte Kellerecke, jeder rumplige Wandschrank schien mir permanent ins Ohr zu flüstern, ich möge mich endlich seiner annehmen. Mit den Schwangerschaftshormonen habe ich das erstmal gar nicht in Verbindung gebracht – Nestbau?Ich? Auf keinen Fall.
 

Weiße Wände wurden bunt

Und schon bin ich in die nächste Phase eingetreten, immer noch unbemerkt – zumindest von mir selbst. Von meiner Teamkollegin Luise kam jedoch bereits der eine oder andere Kommentar, ich bestritt den hormonellen Hintergrundweiterhin vehement und glaubte mir selbst. Ich strich Schlafzimmerwände, Raufaser im Büro, Holzleisten in der Küche. Dazu muss ich sagen, dass ich eigentlich eine große Verfechterin weißer Wände bin – zumindest seitdem ich meine letzte WG mit ihren feuerroten Küchenwänden vor vielen, vielen Jahren hinter mir gelassen habe.

Doch nun verwendete ich Farbe. Es war beinahe so als stünde ein noch halbwegs rational gebliebener Teil meiner selbst währenddessen daneben, als schaue er mir bei meiner Werkelei über die Schulter und als frage er immer mal wieder leise, was zum Kuckuck ich da eigentlich tue. Dennoch schob der Wände kolorierende Teil von mir diesen unsanft zur Seite.
 

Der Feinschliff: passende Deko

Als ich dann mit dem neuen Farbkonzept unserer Wohnungeinigermaßen zufrieden war – es musste übrigens viel Grün her, weil ich das als so ungemein beruhigend empfand – verlangte irgendetwas in mir nochden letzten Feinschliff:Deko. Dezent natürlich, damit es nicht zu unruhig und vollgestellt wird. Ich fiel den gängigen Plattformen dieser Themen zum Opfer: Ich füllte digitale Pinnwände mit hunderten und aberhunderten Bildern über Fotowände, Farbkonzepte, Zierkissen und Boho-angehauchtem Schlafzimmer-Dekor.

Ich investierte ein halbes Vermögen in Bilderleisten, ohne die fortan kaum noch ein Raum unserer Wohnung auskam. Schwarze Bilderleisten, weiße Bilderleisten, Bilderleisten in lang und Bilderleisten in kurz. Und mein Mann maß, bohrte, dübelte, schraubte an und wieder ab, verputzte Löcher, bohrte neue und dachte sich einfach seinen Teil.
 

Der Schwangeren geht ein Licht auf

Mir selbst ging erst vor Kurzem auf, dass mein neuer Wohnlichkeitswahn wohl doch mit dem HCG-Spiegel in meiner Blutbahn in Zusammenhang stehen muss. Nämlich genau dann, als ich anordnete, mein Angetrauter müsse die Schlafzimmerwand, die ich vor wenigen Wochen erst in Dunkelgrün gestrichen hatte, lindgrün umstreichen. Der Grund? Ein Baldachin, den ich jüngst für den Raum erworben hatte – ebenfalls in Dunkelgrün. Die Gleichheit der Farbe war für mich schlichtweg nicht auszuhalten. Und der Gedanke beim Stillen stets auf diese Kontrastlosigkeit blicken zu müssen und mich ihrer zu grämen? – Ausgeschlossen!

So zog ich eben erneut in den Baumarkt, eine Kissenhülle im Gepäck – schließlich muss die Farbe auch zur Deko passen – und wälzte erneut Farbkarten. Ich wurde fündig. Ich kam zwar beim Streichen nicht mehr auf die Trittleiter, aber das hat der Gatte übernommen, wohlwissend, dass es besser ist, sich einfach jedweden Kommentar zur neuen Wandgestaltung zu verkneifen. Anschließend habe ich mir zumindest vorgenommen, bis zur Geburt keinen neuen Betthimmel und Kissenbezüge mehr einzukaufen. Sicher ist sicher.

Wenn du dich jetzt fragst, wie es mir sonst in der Schwangerschaft ergangen ist, bleibt mir nur eines zu sagen: Tschüss, Tiefenentspannung!

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